Schluss mit dem Mindfuck 
Freitag, 18. Dezember 2015 - Arbeit
Wie frei ist unser Denken? Eine Frage, die die Neurowissenschaften mit immer neuen Studien zu ergründen versuchen. Allein, wenn wir unser Denken im Alltag ein wenig reflektieren, können wir schon sehen, wo unsere gedanklichen Selbstblockaden liegen. Die Süddeutsche Zeitung himmt das Buch "Mindfuck Job" zum Aufhänger, um das Bewusstsein für diese Art der Selbstsabotage zu fördern. Wer zum Katastrophen-Mindfuck neigt, malt sich immer das Schlimmste aus und flüchtet sich gerne in Auf-Nummer-Sicher-Lösungen. Der Selbstverleugnungs-Mindfuck lässt einen gerne die eigenen Bedürfnisse zurückstellen, um anderen den Vortritt zu lassen oder es ihnen recht zu machen - und verliert darüber die eigenen Interessen aus dem Blick. Wer Bewertungs-Mindfuck betreibt, ist ständig im Kritik-Modus - gegenüber anderen wie auch sich selbst gegenüber. Druckmacher-Mindfuck scheint längst eine Modedisziplin zu sein - enge Deadlines, stramme To-do-Listen. Man setzt sich mehr auf die Agenda, als gut tut. Der Regel-Mindfuck klingt typisch deutsch - das haben wir immer schon so gemacht, man muss sich an die Regeln halten. Vielleicht lieber ab und an mal fragen: Was mache ich hier eigentlich und warum? Wer im Misstrauens-Mindfuck festhängt erwartet immer nur das Schlechteste. Auch der Übermotivations-Mindfuck hat seine Tücken. Zwar bringt einen die damit verbundene Euphorie auf Touren, doch lässt sie sich erfahrungsgemäß nicht längerfristig durchhalten. Gibt man Phänomenen Namen wie diese hier, fällt es leichter, Probleme zu erkennen und sich selbst entsprechend zu verändern. Das geht aber auch ohne Etikettierungs-Mindfuck. Oft reicht es schon, sich einfach mal bewusst beim Denken zuzuschauen, hinter die eigenen Motive und die der Umwelt zu blicken und ins eigene Wesen zu lauschen ... Aber vielleicht ist das zu einfach ...
Sieben Hirnblockaden bei der Arbeit, SZ 10.12.15

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Grundeinkommen oder was ist uns Freiheit wert? 
Donnerstag, 17. Dezember 2015 - Arbeit
In der Schweiz wird 2016 über die Einführung eines Grundeinkommens abgestimmt. In Finnland prüft die Regierung bereits eine Einführung, die dann 2017 umgesetzt werden könnte. In Deutschland hat der 30-jährige Berliner Michael Bohmeyer eine Aktion gestartet. Er sammelt per Crowdfunding Geld, um Menschen für ein Jahr ein Grundeinkommen in Höhe von 1.000 Euro pro Monat zur Verfügung zu stellen. 25 Personen kamen via Verlosung bisher in den Genuss. Die Welt stellt vor diesem Hintergrund die Argumente der Befürworter und Gegner noch einmal zusammen. Vor allem eine Passage des Artikels bringt nicht nur die Ängste, sondern auch viele unserer impliziten Wertevorstellungen zum Vorschein: "Gerade die Gewerkschaften als Arbeitnehmerlobby müssen das Konzept auch als Kampfansage an die Arbeitsgesellschaft und den Wert der Arbeit schlechthin verstehen. Das existenzsichernde Grundeinkommen suggeriert den Menschen (finanzielle) Sicherheit und individuelle Freiheit. Aber wie frei sind Bürger, die nicht mehr selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen müssen, sondern jeden Monat vom Staat fürs Nichtstun bezahlt werden? Letztlich geht es beim Grundeinkommen auch um die Frage: Was fällt in die Verantwortung des einzelnen Bürgers, und was muss der Staat oder die Gemeinschaft leisten? Bislang gilt, dass zunächst einmal jeder selbst für sich und sein Leben verantwortlich ist, erst in Notlagen springt der Staat ein. Wenn nun der Staat jedem seiner Bürger ein sorgloses Leben garantieren soll, wird dieses Prinzip auf dem Kopf gestellt." Fast scheint es, als könnten - oder wollten - wir uns wirkliche Freiheit, in diesem Fall zumindest im Hinblick auf finanzielle Belange, nicht vorstellen. Wir denken Gesellschaft immer noch in erster Linie individualistisch. Jeder sorgt für sich selbst und erst, wenn das so gar nicht funktioniert, springen wir als Gemeinschaft ein. Doch warum fordert es uns so heraus, Leben und vor allem das Arbeitsleben von vornherein als ein gemeinschaftliches Projekt zu denken? Auch die Sorge, viele Menschen würden dann einfach nichts tun, spricht Bände, zeigt sie doch, wie stark unsere heutigen Vorstellungen von Arbeit auf Prinzipien des Zwangs beruhen.
Sind 1000 Euro die schöne neue Sozialstaatwelt? Die Welt 10.12.15

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Den eigenen Beruf erfinden 
Freitag, 4. Dezember 2015 - Arbeit
Maike Gosch hat schon viele Jobs gemacht - als Juristin, als Drehbuchschreiberin. Und ihre Interessen sind so breit gefächert, dass sie in jedem Beruf einige davon außer acht lassen musste. Eine Selbstbeschneidung, die auf Dauer für sie nicht tragfähig war. In einem Portrait der Zeit erklärt die Kommunikationsexpertin, die heute vor allem im Bereich Storytelling for NGOs tätig ist, wie sie dazu kam, all die Puzzle-Teile ihrer Vorlieben zusammenzusetzen - und wie sich daraus ihr heutiger Traumjob ergab. MIch hat ihre Geschichte berührt, weil sie zeigt, was möglich ist, wenn man die eigenen Vorlieben ernst nimmt. Nur allzu oft versucht man ja eher, den äußeren Verhältnissen gerecht zu werden und sich irgendwie mit ihnen zu arrangieren. Im Berufsleben, das Jahrzehnte unserer Lebenszeit füllt, kann dies jedoch auch ein gefährlicher Weg sein, denn der Grat zwischen Realitätssinn und Selbstaufgabe ist schmal. Mit ihrem heutigen Beruf trägt Maike Gosch zu einem gesellschaftlichen Wandel bei - und hat zunächst sich selbst und ihre Perspektive verändert. Was wäre möglich, wenn dieses Beispiel Schule macht?
Berufswahl: Ein Beruf, den es nicht gibt, Die Zeit 26.11.15

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Nur ein Job oder Herzensangelegenheit? 
Montag, 16. November 2015 - Arbeit
Ist Ihnen Ihre Arbeit ein Herzensanliegen? Tun Sie im Job etwas, das Ihnen richtig Freude macht? Wenn ja, gehören Sie zu einer beneidenswerten Spezies, denn immer mehr Menschen schielen, wenn es darum geht, was sie beruflich tun, mehr danach, ob sich eine Tätigkeit im Lebenslauf gut macht, als dass sie sich fragen, was sie selbst am liebsten wollen. In einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche findet der Karriereberater Martin Wehrle klare Worte für das Phänomen: "Eine groteske Situation ist entstanden: Nicht das Leben gibt den Lebenslauf vor, sondern umgekehrt; Menschen sind zu Knechten ihres Lebenslaufs geworden. Sie nehmen äußere Erwartungen wichtiger als innere Wünsche. Jede Entscheidung wird durch die Schablone einer Norm gepresst, die eigenen Sehnsüchte bleiben auf der Strecke." Seiner Ansicht nach tragen die zweifelhaften Anforderungen der Wirtschaft dazu bei, dass immer mehr Menschen sich zu "Objekten" machten und ihr Leben gänzlich auf den Arbeitsmarkt ausrichten. "Kein Wunder, dass sich das moderne Berufsleben wie ein falscher Film anfühlt. ... Es ist ein Witz: Menschen geben ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse auf, um es potenziellen Arbeitgebern recht zu machen und ihren Lebenslauf zu perfektionieren. Aber dieser Versuch scheitert kläglich. Erstens sind die Anforderungen so unterschiedlich, dass man es nie allen recht machen kann. Und zweitens verliert jeder, der seinen Lebenslauf wichtiger als sein Leben nimmt, sein größtes Kapital: die intrinsische Motivation. Diese innere Freude an einer Arbeit kann nur entstehen, wenn man sie mit ganzem Herzen betreibt", so Wehrle. Also: Was wollen Sie wirklich?
Pfeif' auf deinen Lebenslauf! WiWo 4.11.15

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Grundeinkommen: Mut zur Freiheit 
Dienstag, 10. November 2015 - Arbeit
In einem Gastbeitrag für die Zeit schreiben Daniel Häni und Philip Kovce, Vorreiter der Initiative für ein Grundeinkommen in der Schweiz, darüber, wie eine staatlich garantierte Grundsicherung ohne Auflagen unser Selbst- und Menschenbild herausfordert und verändern kann. "Das bedingungslose Grundeinkommen fragt zweierlei. Erstens: Was will ich eigentlich? Was würde ich tun, wenn für mein Einkommen gesorgt wäre? Wofür engagiere ich mich, wenn ich mich frei entscheiden kann? Das ist die Frage, die den Menschen auf sich selbst zurückwirft. Sie spricht ihn als selbstbestimmtes Individuum an. Es geht um das Bild, das jeder von sich selbst hat", so die Autoren. Die zweite Frage: Bin ich bereit, diesen Entfaltungsraum auch meinen Mitmenschen zuzugestehen? Der Bericht beschreibt sehr anschaulich, dass in der Schweiz oder auch den USA die Diskussion um das Grundeinkommen vergleichsweise pragmatisch geführt werde, während in Deutschland im Kontext der HartzIV-Gesetzgebung die Zweifel deutlich größer seien. Für Häni und Kovce ist die Frage der Finanzierbarkeit ein vorgeschobenes Argument und sie bescheinigen Deutschland einen Mangel, der "künstlich erzeugt, moralisch gewollt, perfide organisiert" sei. Die Gründe, warum es noch kein Grundeinkommen gebe, sind in den Augen der Autoren vor allem unserem Menschenbild geschuldet: "Warum haben wir also noch kein bedingungsloses Grundeinkommen? Weil wir noch nicht auf den Gedanken verzichten wollen, dass die anderen nichts mehr tun würden, wenn ihre Existenz bedingungslos gesichert wäre. Weil wir noch nicht darauf verzichten wollen, dass die anderen etwas tun müssen, damit ihre Existenz gesichert ist. Weil wir den anderen noch nicht jene Eigenverantwortung zusprechen, die wir für uns selbst in Anspruch nehmen."
Lasst Arbeit Erfüllung werden, Zeit online 31.10.15

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Burnout-Prävention: Sei ganz du selbst 
Freitag, 30. Oktober 2015 - Arbeit
Burnout ist nach wie vor ein Thema, dass regelmäßig auf den Karriereseiten der Medien verhandelt wird. Häufig formulieren Experten methodische Tipps, wie sich Berufstätige besser und gesünder durch den Arbeitsalltag bewegen können. In einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung richtet die Ärztin und Beraterin Mirriam Prieß den Blick erst einmal in eine andere Richtung, nämlich auf die Frage unserer Identität. Für sie ist augenscheinlich, dass Menschen, die unter Burnout leiden, häufig die Beziehung zu sich selbst verloren haben - oder noch nie eine hatten. "Es ist wichtig zu erkennen, ob die Prägung, die ich in meinem Elternhaus erhalten habe, mit dem übereinstimmt, was meinem eigenen Wesen und meiner Identität entsprich. Ist das nicht der Fall, arbeitet man permanent gegen sich an, unterdrückt die eigenen Bedürfnisse und verliert sich häufig in einem grenzenlosen Perfektionsanspruch", so Prieß. Man möchte ergänzen: Auch all die Impulse, die in Schule und Berufsausbildung, in Freundeskreisen und der Mainstream-Kultur auf uns einprasseln, tun ihr übriges, uns immer wieder mit Weltbildern und Lebensentwürfen zu konfrontieren, die - gemessen an einer imaginären Mehrheitsmeinung - erstrebenswert sein sollen. Vielleicht sollten wir einfach öfter mal darüber nachdenken, wer wir sind - und wer wir sein wollen. Wer weiß, was dann möglich ist ...
Wie kann ich einen Burn-out verhindern? SZ 22.10.15

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Einfach mal abschalten 
Mittwoch, 14. Oktober 2015 - Arbeit
Vielleicht ist der Kampf gegen Burnout leichter, als wir es uns vorzustellen wagen. Die FAZ sprach in einem Interview mit dem Medizin-Nobelpreisträger und Neurowissenschaftler Thomas Südhof, wie wir der permanenten Erreichbarkeit und Rund-um-die-Uhr-Kommunikation konstruktiv begegnen können. Südhof selbst hat für sich eine sehr einfache Methode gefunden: Einfach mal abschalten. Seine elektronischen Geräte haben von 20 Uhr bis nach dem Frühstück Sendepause. Ende der Durchsage. Interessant an dem Gespräch ist, dass Südhof sich nicht in komplexen Erklärungen und daraus abgeleiteten Lösungsvorschlägen ergeht, sondern einfach mal den gesunden Menschenverstand bemüht: "Mein normaler Menschenverstand sagt mir: Es kann auf Dauer nicht gut sein, so zu arbeiten, wie viele es heute tun. Wir sind über die Smartphones nie mehr unerreichbar, nie außer Dienst. Wir stehen per Mail quasi minütlich im Kontakt zu unserer Arbeit, zu unserer Familie. Diese Dauerbelastung führt zu chronischem Stress, der den Menschen und sein Gehirn verändert. Dauerhaftes Leben auf der Überholspur kann nicht gutgehen." Ja, so ist es. Und wir wissen es. Fragt sich also nur, wann wir anfangen, nach dieser Erkenntnis auch zu leben.
"Dauerstress schädigt das Gehirn", FAZ 3.10.15

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Leerlauf ist nicht mehr vorgesehen 
Mittwoch, 7. Oktober 2015 - Arbeit
Gestresst sein ist längst nicht mehr nur ein gesundheitliches Warnsignal. In der Hochleistungskultur der Gegenwart wird es auch zum Statussymbol oder Überlebensmechanismus, je nachdem, von welcher Seite man schaut. Die Werbeagentur Havas Worldwide befragte mehr als 10.000 Menschen in 28 Ländern. Dabei zeigte sich, dass immer mehr Leute sich gestresster geben, als sie eigentlich sind. Geschäftigkeit auszustrahlen scheint in Zeiten der Überwachbarkeit und ständigen Erreichbarkeit zur Notwendigkeit zu werden. "In unserer Gesellschaft sind wir extrem auf Leistung gepolt, da dürfen Angestellte natürlich niemals durchleuchten lassen, dass sie nicht 180 Prozent Gas geben. Wenn diese Menschen dann auch noch das Damokles-Schwert des drohenden Jobverlusts über sich spüren, dann geben sie schon aus reinem Selbstschutz vor, mehr zu tun, als sie wirklich leisten. Das hat mit Faulheit nichts zu tun, sondern damit, dass Menschen an ihre Grenzen getrieben werden und ihnen nichts anderes mehr übrig bleibt", kommentiert Zeitmanagement-Coach Cordula Nussbaum in der SZ diesen perversen Trend. Wo früher Müßiggang gesellschaftlich als Musezeit akzeptiert war, wird er heute als überflüssig betrachtet. Laut Nussbaum eine besorgniserregende Entwicklung: "Wir brauchen Phasen, in denen wir Gedanken nachhängen können. Erholte Mitarbeiter sind um vieles produktiver als gestresste. Wenn Top-Führungskräfte behaupten, sie kämen mit vier Stunden Schlaf aus, dann verschweigen sie dabei, dass ihre Gehirnleistung der eines Menschen mit zwei Promille entspricht."
Angst vor der Überflüssigkeit, SZ 30.9.15

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