Die Augenwischerei mit der Achtsamkeit 
Mittwoch, 7. Juli 2021 - Lebensart, Psychologie, Arbeit, Management
Der Deutschlandfunk hat in einem Beitrag den Achtsamkeitstrend in den Blick genommen und kommt zu sehr differenzierten Einschätzungen. Der Artikel stellt ausführlich vor, wie typische MBSR-Kurse einen Einstieg in Achtsamkeit vermitteln und welche positiven gesundheitlichen Wirkungen sich aus der Praxis ergeben können. Gleichzeitig lässt er auch Kritiker zu Wort kommen, die davor warnen, dass die Meditationspraxis auch dazu beitragen könne, dass gesellschaftliche Strukturprobleme einmal mehr aufs Individuum verlagert werden, dass sich dann eben selbst helfen soll. Der Soziologe Hartmut Rosa etwa sagt: "Ein Problem, das ich dabei sehe ist eben, dass man die Problemlage auf die Individuen verschiebt. Dass man damit sagt, wenn du nur genügend Achtsamkeit trainieren würdest oder dein Leben richtig ausrichtest, dann hättest du kein Problem mehr und die Problemlagen, von denen ich als Soziologe unbedingt sagen will und auch sagen kann, dass sie in ganz hohem Maße gesellschaftlich verursacht sind, strukturell bedingt sind, die werden eben dem Individuum angelastet – du musst lernen damit zurechtzukommen. Und deshalb halte ich Achtsamkeit als politische Lösung für problematisch." Hier wird Achtsamkeit mehr und mehr auch zu einem Politikum.
Achtsamkeit ist politisch – und problematisch, Deutschlandfunk 28.6.21

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Volkssport pendeln 
Dienstag, 6. Juli 2021 - Lebensart, Psychologie
Wer arbeiten geht, ist vielfach Pendler, denn immer seltener arbeiten die Menschen auch an dem Ort, an dem sie leben. Inzwischen sind es 59 Prozent aller Arbeitnehmer, also 18,4 Millionen Menschen, die nicht am Wohnort ihr Geld verdienen. Und die Pendelstrecken werden länger. So stieg die Zahl derer, die einen täglichen Arbeitsweg von mehr als 50 Kilometern haben, in den letzten 20 Jahren von 13 auf 21 Prozent. Eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien zeigt: Die Fahrerei nervt, frustriert, schlägt auf die Psyche und auch auf die körperliche Gesundheit. Doch der Traum vom Wohnen im Grünen und einem gut bezahlten Job in der nächsten großen Stadt wird weiterhin von vielen nicht nur geträumt, sondern auch in die Tat umgesetzt. Die Wirtschaftswoche beschreibt in einem Artikel, wie verschiedene Faktoren das Phänomen weiter anheizen. Neubaugebiete in den Speckgürteln sind verlockend für viele. Wer sich abends beim Chillen auf der eigenen Terrasse sieht, verdrängt gerne, dass er, wenn der Nahverkehr schlecht ist oder er im Stau steht, diese Komfortzone später erreicht, als einem lieb sein kann. Viele Kommunen unterstützen mit ihrer Verkehrspolitik die Begehrlichkeiten. Wenn es Pendlern leichter gemacht wird, mit dem öffentlichen Nahverkehr in die nächste Stadt zu kommen anstatt sich schnell in der eigenen Stadt zu bewegen, erscheint ein Arbeitsplatz weiter weg in attraktiverem Licht. Die Frage ist, wann hier wer bereit ist, den Teufelskreis als erstes zu durchbrechen.
Pendler betrügen sich selbst, WiWo 28.6.21

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Plaudern hilft, egal mit wem 
Montag, 5. Juli 2021 - Lebensart, Psychologie, Studien
Mit Bekannten ist das Reden am erfreulichsten, möchte man meinen. Doch die Wissenschaft belehrt uns eines besseren. Verschiedene Studien zeigen nämlich: Wenn wir mit Fremden reden, hebt das deutlich die Stimmung. Gespräche mit uns noch nicht Bekannten mögen zwar bisweilen (aber nur in seltenen Fällen) etwas ruckeliger verlaufen als beispielsweise mit Partnern oder Freunden. Doch zeigen die Erfahrungen aus verschiedenen Untersuchungen auch: Die meisten Menschen fühlen sich richtig gut, wenn sie - sei es in der Bahn, im Supermarkt oder einem Café - mit Leuten ins Gespräch kommen, die sie gar nicht kennen. Am besten selbst einmal ausprobieren!
Mit Fremden zu reden, tut gut, spektrum.de 26.6.21

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Ernährung ist politisch 
Freitag, 2. Juli 2021 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
Was wir essen, hat Folgen - nicht nur für uns persönlich, sondern für die Gesellschaft im Ganzen. Der Ethikrat hat sich mit der Frage beschäftigt, wer für eine gesunde Ernährung verantwortlich ist, und dabei den Philosophen Thomas Mohrs auf seiner Jahressitzung zu Wort kommen lassen. Er findet, das Thema "Public Health" müsse mit all seinen demokratiepolitischen Grundsatzfragen betrachtet werden. So verweist er etwa auf die hohen Kosten im Gesundheitswesen, die aus Mangel- und Fehlernährung erwachsen. Gleichzeitig sei es unverantwortlich von Konsument.innen, die Folgen ihrer ungesunden Lebensweise der Allgemeinheit aufzubürden. "Es ist häufig eine Frage der Werte", sagt Mohrs im Deutschlandfunk. Sich kein besseres, gesünderes Essen leisten zu können, ist in seinen Augen häufig eine Ausrede. Gleichzeitig müsse die Politik sicherstellen, dass auch die Ärmeren die Möglichkeit haben, sich gesund zu ernähren. Betrachtet man den Zulauf, den beispielsweise die Tafeln mit ihrer kostenlosen Lebensmittelausgabe haben, wird deutlich, dass nicht wenigen ihre Werte nichts nutzen, wenn sie schon nach der Hälfte des Monats kein Geld mehr für Lebensmittel übrig haben.
Sorg‘ für dich selbst!, Deutschlandfunk Kultur 23.6.21

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Ungleichheit wächst und wächst 
Donnerstag, 1. Juli 2021 - Lebensart, Studien, Arbeit
Die Pandemie hat zu Beginn auch die Vermögenden getroffen. Doch inzwischen ist für sie nicht nur wieder alles beim Alten, sie sind sogar reicher geworden. Und damit geht laut Global Wealth Report die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Im vergangenen Jahr stieg der Wert privater Vermögen um 7,4 Prozent auf 418 Billionen Dollar, zieht man Wechselkurseffekte ab, bleibt ein Plus von 4,1 Prozent. Würde man diese globalen Vermögen auf die 5,2 Milliarden Erwachsenen der Weltbevölkerung verteilen, kämen jeder Person rund 80.000 Dollar zu. Die Wirklichkeit ist eine andere. 1,1 Prozent der erwachsenen Bevölkerung besitzen nämlich knapp 46 Prozent der privaten Vermögen, insgesamt 192 Billionen Dollar. 2,9 Milliarden Menschen (55 Prozent der Bevölkerung) verfügen hingegen jeweils über weniger als 10 .000 Dollar. Ihnen gehören nur 1,3 Prozent des Weltvermögens. In der Pandemie sind jene an der Spitze der Pyramide noch etwas reicher geworden, während die Menschen an der Basis finanziell noch weiter zurückfielen.
Die Pandemie hat die Schere zwischen Arm und Reich weiter geöffnet, FAZ 22.6.21

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Je besser das Zuhören, umso besser das Gespräch 
Mittwoch, 30. Juni 2021 - Lebensart, Psychologie, Arbeit, Management
In Businesskontexten steht bei der Gesprächskultur häufig im Vordergrund, wie man die eigene Message am besten rüberbringt. Allzu oft wird der Dialog sogar zur Arena, um sich durchzusetzen. Wirklich gute und hilfreiche Gespräche entstehen dadurch eher selten. Die Management-Expertin rät dazu, dem richtigen Zuhören mehr Aufmerksamkeit zu geben. "Wer nicht bis zum Ende zuhört, der hat keine Ahnung, wohin der andere will. Wir glauben, es zu wissen. Aber so ist es nicht. Wenn man zu früh ins Wort fällt, dann kann kein gutes Gespräch entstehen", sagt sie in einem Interview mit Business Insider. Hilfreich sei es auch, sich darüber klar zu werden, dass in jedem Dialog sich wirklich neues zeigen könne und die Gesprächspartner so miteinander etwas lernen: "Ein gutes Gespräch ist für mich ein Austausch über Dinge, die ich vorher noch nicht wusste. Es sind Gespräche, in denen man gesagt hat: Ach echt? Das wusste ich noch gar nicht. Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Erst dann begibt man sich in eine neue Welt und kann etwas lernen. Es gibt auch gute Gespräche, die sind ein Austausch über das, was wir schon wissen. Und das macht Spaß! Aber wir lernen dadurch nichts und wir kommen dadurch auch nicht weiter." Gerade im Businessalltag ist diese Perspektive des Neuen eine oft unterschätzte Dimension der Dialogkultur. Vielleicht brauchen wir gar keine tollen Innovationsseminare, wenn wir uns einfach besser zuhören.
Das Geheimnis des richtigen Zuhörens, Business Insider 22.6.21

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Positive Gehirnwäsche 
Dienstag, 29. Juni 2021 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Auf Social-Media-Kanälen ist das Leben immer poliert - Fotos von lächelnden Menschen, tollen Klamotten, knackigen Bodys gaukeln uns vor, wie schön es andere haben. Diese aufgehübschte Selbstdarstellung hat Folgen. Psychologen sprechen bereits von einer "Toxic Positivity", die im Leben immer weniger Raum für die realen Grautöne lässt. "Immer so zu tun, als hätte ich gute Laune, ist aber anstrengend und auf Dauer ungesund. Ich deckle damit etwas in mir ab, und das kostet psychische Energie", sagt etwa die Psychologin Doris Röschmann in einem Beitrag in der Welt. Der so entstehende Zwang, immer nur die guten Seiten des Lebens zu zeigen, könne sogar zu Schlafmangel und Depressionen führen und langfristig negative Wirkungen auf das Immunsystem haben. Die Feedback-Mechanismen von Social Media fördern geradezu solche Stressspiralen, denn wer viele Likes für seine schönen Bilder bekommt, wird animiert, noch mehr davon zu posten - und den nicht so tollen Teil seines Lebens immer mehr auszublenden. "Echte gute Laune entsteht nur durch ein Leben, in dem man nicht abhängig ist von Äußerlichkeiten. Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit, alle Gefühle wahrzunehmen. Dafür müssen wir mit uns selbst verbunden sein", so Röschmann.
Diese Instagram-Lüge kostet Lebensenergie, welt.de 21.6.21

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink
Die Freiräume innerhalb der Grenzen entdecken 
Montag, 28. Juni 2021 - Bewusstsein, Wissenschaft
Nachdem die Klimakrise nun auf der politischen Agenda wieder ein Stück nach vorne gerückt ist, wird es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich die Ambitionen, die Klimaneutralität zu erreichen, in Gesetzen und Verboten niederschlagen. Doch wie für all die vielen konkreten Lebensbereiche, um die es hier geht, geeignete Regelungen finden? Der Klimaforscher Anders Levermann macht in einem Interview mit der Zeit einen interessanten Vorschlag, der durch Einfachheit überzeugt. Warum nicht einfach im Großen die Grenzen setzen, die nicht mehr überschritten werden dürfen, aber im Kleinen im Hinblick auf die konkrete Umsetzung möglichst viele Freiräume lassen? "Dahinter steht das Prinzip des Wachsens in die Vielfalt: dass die Dinge nicht immer höher, schneller oder weiter werden, sondern besser. Und dieses 'besser' ändert sich mit der Zeit. ... In der Physik erkennen wir dieses Prinzip immer dann, wenn wir unendliches Wachstum im endlichen Raum erzeugen: das Prinzip der Faltung. Man setzt einem System klare Grenzen, nicht kleinteilig, sondern größtmöglich – wie etwa eine maximale Menge CO₂-Ausstoß oder ein Verbot von Plastik ab einem bestimmten Jahr. Solange das System diese klaren Grenzen erkennt, baut es sie ein. Die Dynamik sieht dann oft so aus, dass man erst auf einem bestimmen Pfad wächst, dann der Grenze nahekommt – und umbiegt und sich weiterentwickelt." Ich finde, der Vorschlag hat etwas Faszinierendes, denn er gibt Raum für Wahlmöglichkeiten, für die Entstehung von Innovationen und vermeidet gleichzeitig Verwirrung durch zu viele vorgegebene Details.
"Begrenzen, was wir nicht mehr wollen", zeit.de 16.6.21

[ Kommentar hinzufügen ]     Permalink

Zurück Weiter