Lohas - ein Trend, der Trendmüde macht 
Mittwoch, 12. November 2008 - Wissenschaft
Lohas, die Lifestyles of Health and Sustainability, sind in aller Munde. Doch scheint das Trendgeflüster auch zu einer Trendmüdigkeit zu führen. Seit das Marketing hier eine neue Zielgruppe gewittert hat, überbieten sich die Marktforscher in ihren Analysen, wie viele Deutsche wohl dazu gehören. Bei AC Nielsen soll es ein Drittel der deutschen Bevölkerung sein, bei der GFK immerhin noch 23 Prozent, und auch AWA und Sinus Sociovision bemühen sich, das Phänomen in ihren Zielgruppenpanels darzustellen. Das Zukunftsinstitut verkündet in seinem Zukunftsletter vom November genüsslich, dass die Trendforscher dieses Phänomen bereits seit 2003 auf dem Radar haben - also wieder einmal die Ersten waren, die eine bedeutende gesellschaftliche Veränderung erkannt haben. Bei all dem Trendgeklapper und -geplapper verlieren sich die Trendanalysen jedoch in marketingaffinen Oberflächlichkeiten, denn: Wo heute die meisten Beobachter auf Lohas als neue Konsumstrategie aufspringen, vergessen sie die Ursprünge dieser Entwicklung, die viel mit gesellschaftlichen und persönlichen Veränderungen, mit Visionen und gerade nicht mit Konsum, zu tun hat. Paul Ray, amerikanischer Soziologe und Marktforscher (!) war einer der ersten, der bereits 2001 in seinem Buch "The Cultural Creatives" einen fundamentalen gesellschaftlichen Wandel vorhersagte, in dessen Zuge sich neben Konservativen und Modernisten eine neue gesellschaftliche Gruppe herausbildet, die den Wandel maßgeblich vorantreibt. Diese Kulturkreativen stehen für eine neue Politik, setzen sich für ökologische Ziele ein, propagieren neue gesellschaftliche Lebensformen und, ja, aber das ist nur eine der vielen Folgen ihrer Einstellungen, sind sehr kritische Konsumenten. Während die Marketingwelt sich zugleich auf die Konsumkomponente stürzte, blieben die tiefer gehenden Themen, die die Kulturkreativen bewegen, auf der Strecke und die neue Strömung wurde auf den Lohas-Aspekt verkürzt. Die, die zur Pseudo-Zielgruppe gehören (sollen), fühlen sich derweil immer unwohler, denn nach wie vor stehen kritische Konsumenten nicht in erster Linie für Konsum, sondern für gesellschaftliche Veränderung. Je mehr das Marketing Lohas-Parolen verkündet, umso müder wird der Trend. Burda versuchte mit dem Portal Ivyworld und einem zugehörigen Magazin, die neue Zielgruppe zu binden - und stellte das Experiment inzwischen ein. Vielleicht, weil es diese Zielgruppe eigentlich gar nicht gibt? Ich esse jeden Tag. Aber ist Lohas für mich ein Thema, nur weil ich bevorzug Bio-Lebensmittel einkaufe und mir die Unternehmen, deren Produkte ich erwerbe, genau unter die Lupe nehme? Ganz bestimmt nicht. Mich beschäftigt der spirituelle Wandel der Gesellschaft, die positive Veränderung der Arbeitswelt und der Wirtschaft. Aber auf Trendgeklapper habe ich wirklich keine Lust.
Lohas-Seite des Zukunftsinstituts


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Geld - nur eine Selbsttäuschung? 
Freitag, 31. Oktober 2008 - Wissenschaft
In einem Interview mit der taz spricht der Soziologe Christoph Deutschmann über den Tunnelblick, der oftmals unser Umgehen mit Geld bestimmt: "Bei vielen mittelständischen Aktionären und Spekulanten kann man beobachten, dass der finanzielle Reichtum eine Art Tunnelblick zur Folge hat: Sie sehen nur noch das Geld und die finanziellen Gewinnchancen, alle anderen sozialen Rücksichten geraten aus dem Blick. Es wird zum Beispiel vergessen, dass Weizen und Reis nicht nur Spekulationsobjekte, sondern auch Lebensmittel sind. Die Leute geben sich großen Selbsttäuschungen hin und erhalten jetzt die Quittung dafür." Einerseits konstatiert Deutschmann, dass Geld mittlerweile in der Gesellschaft eine quasi-religiöse Funktion erfüllt, weist jedoch zugleich darauf, dass diese Konstruktion auf Dauer nicht tragfähig sein könne: "Eine Gesellschaft, die durch nichts anderes mehr zusammengehalten wird als durch den Markt, und die den finanziellen Erfolg zum obersten Lebensziel erhebt, wird Probleme bekommen. Geld ist ja nicht nur ein Tauschmittel, sondern ein Medium, das Individualisierung und persönliche Unabhängigkeit mitten in der Gesellschaft ermöglicht, aber in einer Gesellschaft, die uns alle in einer unvorstellbaren Weise voneinander abhängig gemacht hat. Diese Abhängigkeit vergessen wir gern und werden erst zwangsweise mit ihr konfrontiert, wenn das Finanzsystem nicht mehr funktioniert, wie in der gegenwärtigen Krise."
"Geld erfüllt religiöse Funktionen", taz 13.10.2008




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Einsichten zu Meditation von Wolf Singer 
Mittwoch, 29. Oktober 2008 - Wissenschaft
Der Neurobiologe Wolf Singer spricht in einem Interview mit der Zeit über seine persönlichen Erfahrungen beim Meditieren. "Man kann viel darüber lernen, wie das Gesamtsystem im Grundzustand arbeitet. Man erlebt, was passiert, wenn einen nichts zwingt zu reagieren, sondern wenn sich einfach entfalten kann, was in diesem System alles steckt. In diesem Default-Zustand stellt sich ein Gefühl des »In-der-Welt-Seins« ein. Diese Erfahrung entspricht mit Sicherheit getreuer der Persönlichkeit, die man ist, als das, was man erlebt, wenn man ständig von Tagesereignissen getrieben wird", beschreibt Singer die Einsichten, die sich dem Meditierenden offenbaren. Dass Erkenntnisse wie diese kein Selbstzweck sind, wird deutlich, wenn der Neurobiologe darüber philosophiert, wie diese persönliche Erfahrung unsere Vorstellungen über moralische Werte und deren praktische Verankerung im Alltag beeinflussen könnte. "Man müsste, glaube ich, auch bereit sein, zuzugeben, dass man nicht durch schieres Nachdenken jede Lebenssituation im moralischen Sinne entscheiden kann. Und sicher spielt das Wort Demut eine große Rolle. Vielleicht kann man durch mentale Praktiken wie die Meditation Menschen dazu bringen, Einsichten zu gewinnen, die es ihnen erlauben, über den schnöden rationalen Egoismus hinauszusehen", sagt Singer.
"Der Weg zu sich selbst", Die Zeit 23.10.2008


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In der Wirtschaft ist das einzig Stetige der Wandel 
Montag, 6. Oktober 2008 - Wissenschaft
Die aktuelle Krise der weltweiten Finanzmärkte und der öffentliche Umgang damit erwecken nur allzu leicht den Eindruck, dass wir gegenwärtig Zeugen eines außergewöhnlichen Störfalls werden. Wolfgang Streeck, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln und Professor für Soziologie an der Universität Köln ist das anderer Meinung. In einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung stellt er fest: "Nicht die Krise ist das große Rätsel des Kapitalismus, sondern die Fiktion der Stabilität." Streeck schärft den Blick dafür, dass Phasen des wirtschaftlichen Aufschwungs mit anschließenden Zeiten scheinbarer Stabilität eigentlich immer nur Intermezzi waren. Nach großen Krisen wie beispielsweise 1929 beruhigten sich die Märkte zwar immer wieder längerfristig, doch daraus zu schließen, dass der Kapitalismus eigentlich eine stabile Ordnung garantiert, ist für Streeck ein - allerdings allzu menschlicher - Fehlschluss: "Kapitalismus als soziale Ordnung ist durch und durch unwahrscheinlich: eine Ordnung, deren Wesen die unablässige Selbsttransformation ist. Für menschliche Wesen ist das schwer zu begreifen; sie wollen wissen, wohin sie gehören und wer sie bleiben können. Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir auch in den modernen Kapitalismus eine vormoderne Stabilität hineinphantasieren, die er nicht zu bieten hat." Der Soziologe legt den Finger darüber hinaus in eine andere Wunde und zeigt, dass im Kern viele Menschen, die sich dessen nicht unbedingt bewusst sind, Anteil haben an der dem Kapitalismus inhärenten Dynamik der Zuspitzungen: "Als Investoren und Konsumenten setzen wir die Unternehmen unter Druck, die dann uns als Arbeitnehmer unter Druck und am Ende gar frei setzen." Ohne das kapitalistische Maximierungsdenken zu kritisieren, stellt Streeck nüchtern fest, dass genau dieses Paradigma es ist, das nicht nur Wachstum und Entwicklung ermöglicht, sondern eben auch immer wieder krisenhafte Phasen: "Maximierung verlangt Kreativität, nicht Routine. Kreativität zerstört. Zerstörung aber ist riskant, für den, der zerstört wird, aber auch für den der zerstört. Risiko, wie alles im Kapitalismus, ist ungleich verteilt." Brauchen wir also eine neue Diskussion des Ungleichheitsthemas? Fest steht eigentlich nur, dass Komplexität nicht mit einfachen Lösungen zu meistern ist.
"Lektion zum Kapitalismus", FAS 28.9.2008


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Nicht alles ist Kultur oder gar Religion 
Dienstag, 19. August 2008 - Wissenschaft
Dank Diversity Management werden Unternehmen immer sensibler für die kulturellen Unterschiede innerhalb ihrer Belegschaften. So positiv dieser noch recht neue Blick auf Differenz auch sein mag, inzwischen zeigt er auch Schattenseiten, denn eine übermäßige Bezugnahme auf kulturelle Diversität verstellt leicht den Blick dafür, dass nicht alle Facetten eines Individuums durch - meist als homogen verstandene - kulturelle Konzepte geprägt sind. So lenkt die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem kritischen Beitrag das Augenmerk auf die Gefahr, kulturelle Muster zu stereotypisieren oder gar religiöse Vorstellungen mit einer Kultur als Ganzem gleichzusetzen. Wenn einzelne Gruppen im Namen ihrer Kultur versuchen, ihren Interessen Ausdruck zu verleihen, kann eine falsch verstandene Toleranz leicht nach hinten losgehen. "Ideen und Waren können immer freier zirkulieren, und ihr Ursprung hat immer weniger Bedeutung", schreibt die FAZ und rät dazu, die Wahrnehmung von Kulturen zu hinterfragen: "Dem Kulturalismus liege ein falscher Kulturbegriff zugrunde. Wir nehmen Kulturen als in sich geschlossene und homogene Gebilde, obwohl sie in Wirklichkeit fließende Grenzen haben, intern heterogen sind und umstritten ist wer und was dazugehört." Heute noch den "den Chinesen" oder "den Arabern" zu sprechen, hält uns davon ab, die individuelle Ausprägung kultureller Hintergründe zu erkennen - was zu einem Übersehen von Differenz auf einer neuen Ebene führt.
"Die Irrtümer des Kulturalismus", FAZ 11.8.2008




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Meditation stärkt Aufmerksamkeit und emotionale Balance 
Montag, 5. Mai 2008 - Wissenschaft
In einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung erklärt Wolf Singer, einer der angesehensten Neurobiologen in Deutschland, welche positiven Wirkungen Meditation hat. Im Rahmen seiner Forschungen fand Singer heraus, dass das Meditieren die Hirnaktivitäten nicht nur während des mentalen Trainings beeinflusst, sondern dauerhaft bestimmte Hirnfunktionen verändert. "Menschen mit Meditationserfahrung weisen eine verkürzte Aufmerksamkeitslücke auf. Sie können ihre Aufmerksamkeit in viel kürzeren Abständen auf schnell aufeinanderfolgende Reize konzentrieren. Wenn wir älter werden, wird dieser 'attentional blink' immer länger. Wir brauchen immer mehr Zeit, um die Aufmerksamkeit auf den je nächsten Reiz zu lenken. Meditierende können dieser altersabhängigen Zunahme entgegenwirken. Ein siebzigjähriger Meditierender kann einen ebenso kurzen 'attentional blink' haben wie ein dreißigjähriger Mensch. Auch wurde eine Zunahme der grauen Substanz in Bereichen gefunden, die sich mit der Steuerung der Aufmerksamkeit befassen). Wenn man trainiert, verändert man Verschaltungen im Gehirn", so Singer. Ein weiterer positiver Effekt: Wer meditiert, entwickelt die Fähigkeit, Emotionen sauberer zu differenzieren, was im Business-Alltag von großem Vorteil sein kann, beispielsweise um Gesprächspartner besser einschätzen zu können, denn so Singer: "Wenn andere uns mit Gesichtsausdrücken täuschen wollen und etwa versuchen, freundlich auszusehen, aber eigentlich ärgerlich sind, dann schleichen sich Mikroexpressionen ein. Für kurze Momente drückt die Mimik den Ärger aus. Das führt bei uns unbewusst zu dem Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Menschen mit großer Meditationserfahrung können offenbar die extrem kurzen Expressionen weit besser wahrnehmen. Sie sind weniger täuschbar."
"Das Abenteuer unseres Bewusstseins", FAZ 29.4.2008


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Stille fördert den Innovationsprozess 
Dienstag, 29. April 2008 - Wissenschaft
In der Stille entstehen die besten Idee. Das ist das Ergebnis einer Dissertation des Betriebswirtschaftlers Arne de Vet über Kreativität und Innovation Der ehemalige McKinsey-Berater untersuchte, welche Umstände das Kreativitätspotenzial von Gruppen besonders fördern. Eine Erkenntnis seiner Forschung: Zeitgleiches Sprechen und Denken, wie es in Sitzungen oder gemeinsamen Brainstormings erforderlich ist, setzt bei einigen Menschen die Kreativität herab - insbesondere, wenn sie für die Reaktionen und Meinungen anderer anfällig sind, denn das durch den Abgleich zwischen eigener Idee und Erwartung des Umfeldes entstehende Multitasking belegt Hirnkapazitäten, die dann nicht mehr für die Ideenfindung zur Verfügung stehen. Abhilfe schaffen hier gezielte Phasen der Stille. De Vet stellte fest: Die Kreativität einer Gruppe geht während einer Besprechung steil nach oben, wenn ruhiges Nachdenken die Diskussion unterbricht. Fünf Minuten der Stille während einer 45-minütigen Besprechung verdoppeln die Anzahl der Ideen in der Gruppe - vor allem, wenn mindestens ein Teilnehmer introvertiert ist.
Pressemitteilung "Weniger reden fördert die Innovation", 8.11.2007


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Die Macht der Vorbilder 
Donnerstag, 24. April 2008 - Wissenschaft
Die bekannte Trainerin Vera F. Birkenbihl, die seit Jahren das Themengebiet gehirngerechtes Arbeiten erforscht, beleuchtet in einem Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Frage, wie der Mensch am besten lernt. Beim Erlernen von neuen Tätigkeiten spielen die so genannten Spiegelneuronen eine herausragende Rolle. Sie sind aktiv, wenn der Mensch beobachtet, wie seine Mitmenschen emotional agieren oder reagieren. Das Tückische: Die durch Beobachtung erworbenen "Kenntnisse" treten oft erst Jahre später zutage. Am Beispiel eines Management-Falles, ein Mitarbeiter, der viele Jahre als typischer Revoluzzer galt und, einmal zum Chef befördert, plötzlich die selben verharrenden Tendenzen wie seine Vorgänger an den Tag legt, erklärt Birkenbihl die Wirkung der oft über Jahre ausgebildeten Spiegelneuronen: "Ich erinnere an den jungen Rebellen, der zeit seines Lebens gegen Autoritätsfiguren gekämpft hat und den die Kollegen unter anderem deshalb schätzten. Wenn sie ihn dann eines Tages zum Chef haben, sind sie völlig erstaunt, weil er über Nacht all die schlimmen Manierismen, die er an großen Chefs immer bekämpft hatte, selbst an den Tag legt. Solches Verhalten konnte man sich lange nicht erklären, aber Spiegelneuronen machen es verständlich: In dem Moment, da er sich zum ersten Mal in seinen großen Chefsessel fallen lässt, geht die Zeitbombe hoch und sämtliche Spiegelneuronen, die das Chef-Verhalten spiegeln, werden aktiviert." Diese Gehirnfunktionen zeigen deutlich: Veränderung, egal in welcher Hinsicht, ist immer auch ein Kampf gegen alle Erfahrungen oder Beobachtungen, die ein Mensch bereits gemacht hat. Für die Management-Entwicklung könnte das unter anderem bedeuten: Ohne passende Vorbilder dürfte es schwer sein, frischen Wind in Unternehmen zu bringen.
"Der Tanz der Phantome", FAZ 19.4.2008


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