Ethische Messlatte hängt für Frauen höher 
Donnerstag, 12. Dezember 2019 - Studien, Arbeit, Management
Wenn es um die Beurteilung von Fehlverhalten geht, liegt im Business die ethische Messlatte für Frauen deutlich höher als für Männer. Amerikanische Wissenschaftler untersuchten mit 512 Probanden, wie diese das Fehlverhalten von männlichen und weiblichen CEO's bewerten. Ihnen wurden fiktive Zeitungsberichte vorgelegt. Darin ging es um fehlerhafte Autos. Mal legte der Fehler Inkompetenz der obersten Führung nahe, mal gezielten Betrug. Anschließend wurden die Probanden gefragt, wie hoch ihre Bereitschaft sei, bei dem Unternehmen noch mal ein Auto zu kaufen. War der fiktive CEO der Geschichte ein Mann, sank die Kaufbereitschaft bei den Befragten in gleichem Maße bei inkompetentem wie ethisch bedenklichem Verhalten. Wurde den Studienteilnehmenden hingegen eine Frau als oberste Chefin präsentiert, wollten deutlich weniger Probanden ein Auto kaufen, wenn die Ursache moralisches Vergehen war. Bei der Inkompetenz reagierten sie hingegen nachsichtiger als bei männlichen CEO's. Die Studie zeigt, welcher Gender-Gap im Hinblick auf die Bewertung von Moral zutage tritt. Wenn eine Frau lügt, scheint das doppelt schlimm zu sein.
„Frauen sind höhere Standards vorgeschrieben“, WiWo 6.12.19

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Selbstoptimierungsmaschine 
Mittwoch, 11. Dezember 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit, Management
"Mit Fitnesscoach und Meditation zum „absoluten Machertypen“?" - das fragt das Magazin Gründerszene. Um dann mit dem Portrait eines Firmengründers zu zeigen, wie Selbstoptimierung aus dem Bilderbuch daherkommt. Meditation spielt für den portraitierten Unternehmer, das erfährt man am Schluss des Artikels, eher eine untergeordnete Rolle - macht er einfach, weil's ihm ein Coach geraten hat. Jede Menge Sport, Ernährungsberatung, regelmäßige Physiotherapie als Prophylaxe und gleich mehrere Coaches halten den agilen Gründer auf Trab. Mir wurde ein wenig schwindlig beim Lesen des Artikels. Bösartig könnte man auch fragen, wann der Mann noch Zeit zum Arbeiten findet. Aber wer all seine Lebensbereiche so optimal gestaltet, braucht dafür vielleicht wesentlich weniger Zeit? Ich finde es ein wenig erschreckend, welcher Hand, das Leben beherrschen zu wollen, hier auch zum Vorschein kommt. Gesund zu leben, ist eine Sache. Aber fast schon zwanghaft aus allen Dimensionen des menschlichen Daseins, aus Körper, Geist und Seele, das Beste herausholen zu wollen, ist schon extrem.
Mit Fitnesscoach und Meditation zum „absoluten Machertypen“?, gründerszene.de 30.11.19

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Arbeitsmarkt boomt, die Armut auch 
Dienstag, 10. Dezember 2019 - Studien, Arbeit
Die weltweiten Arbeitsmärkte haben sich seit der Finanzkrise 2008 zu großen Teilen erholt, die Beschäftigungsquoten sind längst wieder gestiegen. Die Lebensmöglichkeiten vieler Menschen scheinen sich dadurch allerdings nicht zu verbessern. Der von der Bertelsmann Stiftung kürzlich veröffentlichte Social Justice Index 2019 zeigt: In 25 von 41 Staaten der EU und der OECD stagniert das Armutsrisiko oder ist sogar gestiegen. Der Index untersucht jährlich, wie es in diesen Ländern um Armutsvermeidung, Arbeitsmarkt, Bildung, Gesundheit, Nichtdiskriminierung und Generationengerechtigkeit steht. Dieses Jahr gingen die Spitzenplätze an Island und Norwegen. Deutschland landet auf dem zehnten Platz. Die USA sind auf Rang 36 eines der Schlusslichter. Für Deutschland zeigt sich: Obwohl die Beschäftigungsrate von 2013 bis 2018 von 73,5 auf 75,9 Prozent gestiegen ist, hat sich auch das Armutsrisiko erhöht - von 9,4 auf 9,8 Prozent. Studien wie diese machen deutlich, wie einseitig es ist, vor allem aus den Arbeitsmarktzahlen etwas über gesellschaftliche Chancen ableiten zu wollen. Prekäre Beschäftigungen beispielsweise mögen gut für die Statistik sein, für die Menschen sind sie es nicht.
Armut trotz Aufschwungs an Arbeitsmärkten nicht gesunken, welt.de 5.12.19

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Stress und Hektik sind das neue Normal im Job 
Montag, 9. Dezember 2019 - Studien, Arbeit, Management
Viel zu viel arbeiten, keine Pausen machen, am Rad drehen - Stress und Hektik scheinen immer mehr zum Normalzustand der Arbeitswelt zu werden. Eine neue Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes mit 6.600 Befragten zum Thema "Gute Arbeit" zeigt: 53 Prozent der Arbeitenden fühlen sich häufig gehetzt. Ein Viertel schafft die Arbeit nicht in der vorgegebenen Zeit. Genau so viele Menschen machen deshalb kürzere Pausen oder lassen sie gleich ganz ausfallen. Bis zur Hälfte der Arbeitenden hat dabei den Eindruck, diese Belastungen nicht bis zur Rente durchzuhalten. Der DGB ist alarmiert, auch weil drei Viertel der Unternehmen die Belastungsanalysen zum Schutz der Gesundheit, die laut Arbeitsschutzgesetz vorgesehen sind, gar nicht durchführt. Die Arbeitswelt scheint sich hier auf ein besorgniserregendes Überlastungsniveau einzupendeln. Und immer noch wird, wenn Menschen schließlich aufgrund von zu viel Stress erkranken, versucht, diese Probleme im persönlichen Bereich zu lösen, beispielsweise durch Therapien. Auf die Couch müsste eigentlich einmal unser Verständnis von Arbeit und dem, was für Menschen verkraftbar ist.
Mehr Stress – und mehr psychische Erkrankungen, FAZ 5.12.19

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Die Überemotionalisierung der Arbeit 
Freitag, 6. Dezember 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Arbeit
Arbeit soll Spaß machen, erfüllend sein, Selbstverwirklichung ermöglichen. Ideen wie diese waren der Generation unserer Eltern wahrscheinlich noch fremd. Heute sind sie Gemeingut. Und leicht könnte man glauben, wenn man selbst einfach nur seinen Job machen möchte, läuft schon etwas grundlegend falsch. "Niemand sollte etwas machen, das er furchtbar findet – und niemand etwas, das er nicht kann. Aber in der öffentlichen Diskussion werden die emotionalen Anforderungen an den Job sehr hoch gehängt. Wenn man nicht jeden Tag strahlt vor Glück, dann stimmt angeblich etwas nicht. Das ist eine heillose Überforderung, die weder dem Einzelnen noch den Unternehmen guttut", sagt derJurist und Sachbuchautor Volker Kitz in einem Interview mit brand eins. Seine Befürchtung bei all dem Selbstverwirklichungsdrang: "Ich glaube nicht, dass Millionen Angestellte ein unglückliches Leben führen. Sie arbeiten in einer Buchhaltung, im Finanzamt, bei einer Versicherung, an der Supermarktkasse oder fahren eine Straßenbahn. Das ist die große Masse der Berufstätigen. Sie müssen sich angesichts all der Berichte über Leute, die sich mit ihrer Arbeit einen Lebenstraum erfüllen, vorkommen, als wären sie Idioten, die in ihrem Leben etwas Entscheidendes falsch gemacht haben." Kitz möchte die Dinge gerne in ein realistischeres Licht gerückt wissen. Er wünscht sich "mehr Wertschätzung für Leute, die mit einem normalen Job die Wirtschaft am Laufen halten", statt romantischer Verklärung.
Den Beruf lieben? Muss nicht sein., brand eins

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Eigenständig denken! 
Donnerstag, 5. Dezember 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
In der kapitalistischen Verwertungslogik stehen Geisteswissenschaften nicht gerade hoch im Kurs. Kritik kommt allerdings auch aus den eigenen Reihen. In der NZZ etwa fordert die Philosophin Donata Schoeller, dass Studierende wieder mehr lernen müssten, statt einfach Diskursen zu folgen, ihre eigene Denkfähigkeit zu schulen. "Wer als Studentin in die Denkwelten der Philosophie eintritt, begreift bald: Alles ist anders, als man denkt, je mehr ein Mensch denkt. Das begeisterte Hineinspringen in Philosophien hat jedoch auch einen Haken. Je mehr man sich in das Denken der anderen vertieft, desto schwieriger wird es, zum eigenen zurückzukehren. Man nennt dies auch die Macht des Diskurses. ... Eigenständig denken zu lernen, scheint unrealistisch. Gelehrt wird buchstäblich das Nach-Denken. Man liest Texte, in denen man den Gedankengängen der anderen nach-denkt und diese wiederum mit anderen Gedankengängen von anderen in Beziehung bringt. Erlaubt man Studierenden, ihre eigenen Fragen oder Ideen zu formulieren, begegnet man zunächst einer Art Schockstarre und nervös wippenden Füssen", so Schoeller. Sie plädiert dafür, so etwas wie eine "freie Nachdenklichkeit" zu entwickeln und unter Philosophen bewusster Formen des "überraschenden, weiterführenden Austauschs" zu kultivieren. Da Maschinen im mechanischen analysieren ohnehin besser seien als der Mensch, verweist Schoeller darauf, die sinnlichen Fähigkeiten und unsere verkörperlichte Existenz stärker zu berücksichtigen, wenn es ums Denken geht: "Verwobenheiten, in denen das individuelle Denken vor sich geht, funktionieren nie nur logisch und diskursiv, sondern responsiv. Die Vielfalt der verkörperten Kontexte, die mitwirken bei allem, was man sagt, will oder tut, kann die Philosophie immer besser beschreiben. Ihre Methoden jedoch grenzen sich von diesem Reichtum nach wie vor ab. Diesen zuzulassen, heisst einzubeziehen, was bereits der Name der Geisteswissenschaften ausschliesst: nämlich das verkörperte Situationserleben der Geisteswissenschafter." Mir scheint es in den Einwürfen der Philosophin um viel mehr zu gehen als nur um Denken und Philosophie, denn in gewisser Weise spricht sie an, wie wir es zunehmend zulassen, dass unser menschliches Potenzial immer mehr verkümmert.
Was für die Geisteswissenschaften zählt, ist nicht nur der zwanglose Zwang des besseren Arguments, sondern auch die konkrete Situation des Denkens, NZZ 28.11.19

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Bei der Führung ist Vertrauen oft Fehlanzeige 
Mittwoch, 4. Dezember 2019 - Studien, Arbeit, Management
Wunsch und Wirklichkeit klaffen bei Führungsfragen bisweilen sehr auseinander. Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Respondi mit rund 2.000 Fachkräften zeigt, was diese sich von ihren Chefs vor allem wünschen: fachliche Kompetenz (87,2 Prozent), Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern (86,1 Prozent) sowie Vertrauen und Rückhalt (84,4 Prozent). Erfüllt werden diese Erwartungen jedoch nur ansatzweise. Immerhin 65 Prozent halten ihre Chefs tatsächlich für kompetent. Wertschätzung erfahren nach eigenem Bekunden hingegen nur 58 Prozent. Und Vertrauen und Rückhalt sind nur für 56,5 Prozent der Befragten gegeben. Ähnlich groß sind die Lücken, wenn es um die Motivationsfähigkeit der Führenden geht und darum, die Arbeitsbelastung der Mitarbeiter im Blick zu behalten.
Fachkräfte wünschen sich bessere Chefs, WiWo 26.11.19

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Ist Achtsamkeit die Spiritualität des Kapitalismus? 
Dienstag, 3. Dezember 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Der Achtsamkeits-Hype scheint an der Schwelle zu stehen, in einen Backlash zu kippen. Kürzlich titelte die NZZ "Fake-Spiritualität: Wie digitale Wanderprediger uns veräppeln" und trug in einem Artikel eine Vielzahl von Beispielen zusammen, wie auf Youtube oder in diversen Meditations-Apps nicht nur die tollsten Heilsversprechen gemacht, sondern so auch Naivität und Narzissmus gefördert werden. Damit hat der Artikel nicht unrecht. Allerdings werden in dem Beitrag im Anschluss an die zu Recht als haarsträubend etikettierten Beispiele auch Betrachtungen zu den Erkenntnissen der Meditationsforschung durch diesen Fake-Filter gejagt. So pickt der Beitrag nur Meta-Studien heraus, die vergleichsweise geringe Wirkungen von Meditation feststellen. Dass manche Interventionen in der Depressions-Therapie hingegen mindestens genau so gut wirken wie Psychopharmaka, fällt unter den Tisch (wenngleich man hier auch darauf verweisen kann, dass Psychopharmaka nicht das Allheilmittel sind). Man spürt - hier beginnt das Achtsamkeits-Bashing, vielleicht auch, weil viele Anbieter weniger Ahnung von Meditation als vom Geschäft haben. Der Artikel zitiert auch Ronald Purser, Professor an der San Francisco State University, der seinem neuen Buch "McMindfulness" den Untertitel "Wie Achtsamkeit zur neuen kapitalistischen Spiritualität wurde" mit auf den Weg gab. Und in der Tat ist es wohl vor allem das wachsende Bedürfnis nach Selbstoptimierung, das eben auch immer mehr entsprechende Angebote nach sich zieht. "Meditation ist, seinen Atem und seine Gedanken zu beobachten, ein Mantra zu wiederholen, sich auf Objekte zu konzentrieren, Gefühle zu beeinflussen versuchen, die Liebe zu Gott pflegen, sich zu öffnen. So beschreibt es der Meditationsforscher Peter Sedlmeier von der Technischen Universität Chemnitz. Im Netz aber ist eine andere Praktik beliebt: sich etwas einreden lassen", so die Schlussfolgerung des Artikels. Vielleicht sollten wir einfach mal mit dem "sich öffnen" beginnen, um wieder ein bisschen klarer zu werden.
Fake-Spiritualität: Wie digitale Wanderprediger uns veräppeln, NZZ 23.11.19

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