Sollten im Beruf Gefühle wohldosiert sein? 
Donnerstag, 4. Juli 2013 - Arbeit
In einem Interview mit dem Psychologen Gerhard Blickle geht die Zeit der Frage nach, welchen Stellenwert Emotionen im Berufsleben haben. "Gefühlsausbrüche sind Selbstentblößungen. Sie machen einen angreifbar und verletzlich. Wer starke Emotionen zeigt, wirkt schnell überfordert – als würde er durch die Situation beherrscht, anstatt sie zu beherrschen. Souveränität ist im Berufsleben aber ein wichtiger Wert. Man erwartet von Menschen, dass sie sich selbst steuern können. Besonders von Fach- und Führungskräften wünscht man sich Berechenbarkeit, Verlässlichkeit und Klugheit. Sinnvoll ist eine freundlich distanzierte Haltung. Das Innerste, das, was einen tief drinnen bewegt, geht keinen etwas an", so Blickles Annahme. Diese Distanz zum eigenen Gefühlsleben bedeutet jedoch nicht, dass Emotionen keine Rolle spielen oder gar verdrängt werden sollten. Blickle geht davon aus, dass eine Form der situativen Angemessenheit eine Balance zwischen innerem Antrieb und äußerem Ausdruck herstellen kann: "Einmal geht es um die grundlegende Motivation: Warum mache ich, was ich tue? Dafür spielen Emotionen, also etwa die Hoffnung auf Erfolg und die Furcht vor Misserfolg, eine große Rolle. Sie sind ein Antrieb. Die andere Frage aber ist: Wie mache ich das? Bei der Ausführung ist es gut, einen kühlen Kopf zu behalten. Dafür braucht man die Fähigkeit, seine Emotionen zu regulieren."
"Das Innerste geht keinen etwas an", Zeit online 2.6.13


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Warum Arbeitslosigkeit nicht immer ein Desaster ist 
Freitag, 14. Juni 2013 - Arbeit
Der Sozialwissenschaftler Benedikt Rogge hat in seiner Dissertation die Selbstbilder von Arbeitslosen betrachtet und kam in seinen 60 geführten Interviews zu dem Schluss, dass der Jobverlust je nach identitärer Selbstverortung auf die Betroffenen ganz unterschiedliche Wirkungen hat. Rogge nennt dies "biographische Identitätsmodi", die vom persönlichen Umfeld, dem eigenen Lebensentwurf, von Bildung und gesellschaftlichem Standing, aber auch von den Aussichten auf dem Arbeitsmarkt gespeist werden. Seiner Untersuchung zufolge tun sich vor allem Geringqualifizierte, für die Jobhopping, prekäre Arbeitsverhältnisse oder Phasen ohne Arbeit fast schon zum Alltag gehören, leichter mit Arbeitslosigkeit als Menschen, die gut qualifiziert sind und unter dem Druck stehen, wieder eine vergleichbare Tätigkeit zu finden. Menschen, die kaum Aussicht haben, nach dem Verlust eines Jobs wieder etwas vergleichbares zu finden, erfahren die Arbeitslosigkeit entweder als Katastrophe - oder nutzen sie als Weg zu einer Transformation, in der sie ihrem Leben unabhängig vom Thema Arbeit neuen Sinn verleihen. Manche Arbeitslose verfallen auch in einen Befreiungsmodus und nutzen die Phase ohne Job, um sich innerlich neu zu finden. Dies gelingt vor allem denen, die mit freier Zeit umzugehen wissen und sich in Sicherheit wiegen, bald etwas vergleichbares zu finden - und die finanzielle Sicherheiten haben, um sich nicht sogleich ökonomisch bedroht zu fühlen.
Arbeitslosigkeit kann eine Befreiung sein, WiWo 28.5.13


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Hierarchien belasten die Psyche 
Mittwoch, 12. Juni 2013 - Arbeit
Im Interview mit dem britischen Gesundheitsökonom Richard Wilkinson geht die taz der Frage nach, wie soziale Ungleichheit auf die Psyche wirkt. Fortschritt, wirtschaftliches Wachstum und damit verbunden auch höhere Einkommen haben in den letzten Jahrzehnten vor allem in den Industriestaaten dazu geführt, dass die Lebenserwartung immer weiter steigt. Ist die Einkommensungleichheit in einem Land jedoch besonders hoch, entsteht eine neue Form des Stresses, der gesundheitliche Beeinträchtigungen nach sich ziehe, so Wilkinson. Korrelationen zwischen finanziellem Wohlstand und Lebenserwartung sind zwar mathematisch korrekt, verschleiern jedoch die tieferen Wirkmechanismen, denn in den Augen des Gesundheitsökonoms ist es vor allem der soziale Status, der über Gesundheit und Wohlbefinden entscheide. Da Geld in vielen Gesellschaften diesen Status markiere, werde bei Deutungen häufig zu kurz gegriffen. Für Wilkinson ist augenscheinlich, dass es die starken Einkommensunterschiede und damit verbunden die Wahrnehmung hierarchischer Unterordnung ist, die sozialen Stress und damit psychische Erkrankungen begünstige. Er plädiert dafür, einerseits mehr Steuergerechtigkeit herbeizuführen und Schlupflöcher zu schließen und parallel dazu auf einen Abbau der zum Teil krassen Gehaltsunterschiede hinzuwirken.
"Hierarchien machen sozialen Stress", taz 24.5.13


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Den Sinn im Jetzt erkennen und tun, was möglich ist 
Dienstag, 4. Juni 2013 - Arbeit
Der Harvard Business Manager nimmt in einer Kolumne das Vorurteil unter die Lupe, dass eine sinnvolle berufliche Tätigkeit in den Augen Vieler den Verzicht auf finanziellen Erfolg mit sich bringe. Zwar übertreibt der Beitrag in meinen Augen mit typisch amerikanischem Fortschrittsoptimismus ein wenig, wenn er beispielsweise die vermögenden Google-Gründer als Sinn-Heroen feiert, da viele ihrer Innovationen zwar in der Tat enorme gesellschaftliche Fortschritte mit sich gebracht haben, aber eben auch im Hinblick auf die Machtfrage im Umgang mit Informationen so mache hier unhinterfragte Schattenseiten in sich bergen, oder wenn Banken per se als Weltverbesserer gefeiert werden, weil sie auch den Bau von Kulturinstitutionen oder soziale Projekte finanzieren, aber zwei Punkte in dem Beitrag sind sehr bedenkenswert. Der erste: zu erkennen, dass es nicht allein Geschäftsmodelle sind oder die Art der Organisation, in der man tätig ist, die Sinn stiften, sondern die eigene Persönlichkeit. Ist man mutig, authentisch und tritt überzeugt für eine Sache ein? "Das sind die Eigenschaften, auf die es wirklich ankommt. ... Letztlich geht es um diese Frage: Wer sind Sie?", postuliert der Artikel. Der zweite Punkt: Veränderungspotentiale nicht von künftigen Entwicklungen oder Möglichkeiten abhängig machen, sondern das Potential im Hier und Jetzt erkennen - und dementsprechend sofort und unter den gegebenen Umständen etwas tun. Der Fallstrick einer einseitigen Zukunftsfixierung hingegen lähme, weil die Zukunft nie richtig beginne: "Weil wir eben immer in der Gegenwart festsitzen. Sie können heute etwas bewirken. Eine andere Möglichkeit als jetzt haben Sie auch gar nicht. Also: Was wollen Sie tun?"
Geld oder Sinn? Beides! HBM 15.5.13


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Von der Erschöpfung zurück zur Schöpfung 
Montag, 3. Juni 2013 - Arbeit
Die Wirtschaftswoche geht in einem tiefsinnigen Beitrag der Frage nach, warum in der Wirtschaft aus "Schöpferstolz" längst einem "Stolz der Erschöpften" gewichen ist. Ein wesentlicher Punkt, warum Arbeiten immer öfter in ein "pathologisches Ausgebranntsein" münde, liege darin, dass das "Werk", also das, was durch den Akt des Arbeitens geschaffen werden soll, immer weniger für sich zählt. Wo es längst in der Wirtschaft fast nur noch um ein immer höher, schneller und weiter geht, ist "besinnungslose Betriebsamkeit" beinahe schon Selbstzweck - ein Indikator, um zu zeigen, dass man im großen Spiel noch mitspielt. Oder, wie der Autor es erklärt: "Vielleicht ist die Ablösung des Schöpferstolzes durch den Stolz der Erschöpfung ein Indiz der Dominanz des Finanzsektors im gegenwärtigen Wirtschaftssystem. In der Finanzwirtschaft gibt es kein abgeschlossenes Werk, auf das man stolz sein könnte, sondern nur einen theoretisch unendlich maximierbaren Profit. Geld ist flüssig und bekanntlich hat man nie genug davon." Er plädiert dafür, den Wert von Arbeit wieder an dem Wert zu orientieren, den die durch sie geschaffenen Werke entfalten: "Diese Schöpfungen müssen gegen die Erschöpfung der Arbeitenden abgewogen werden." Sein Fazit: "Muße tut not. Muße fürs Träumen und fürs Nachdenken."
Strebt nach eurem Werk! WiWo 15.5.13


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Fehlende Pausenkultur 
Dienstag, 14. Mai 2013 - Arbeit
Pausen machen kreativ, denn wer beim Arbeiten ab und an innehält, ist entspannter und kann sich besser konzentrieren. Doch in der gegenwärtigen Hochleistungskultur scheinen Pausen aus der Mode geraten zu sein, wie der Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin dokumentiert. Vor allem chronische Vielarbeiter verzichten demnach am häufigsten auf Pausen. Dabei weiß man aus dem Sport, dass Aktivität zwar die Basis legt für ein Weiterkommen, die Pausen zwischen Trainingseinheiten sind jedoch essenziell, damit Leistungssteigerungen wirksam werden können.
Viele Arbeitnehmer machen zu wenig Pause, WiWo 25.4.13


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Vorstoß zum Arbeitnehmerschutz 
Freitag, 10. Mai 2013 - Arbeit
Die Initiative mehrerer Bundesländer, vor dem Hintergrund steigender psychischer Erkrankungen den Arbeitnehmerschutz im Hinblick auf Stressbelastungen zu verbessern, geht in eine neue Runde. So bringt die Initiative eine "Verordnung zum Schutz der Beschäftigten vor Gefährdungen durch psychische Belastungen bei der Arbeit" in der Länderkammer ein. Absehbare Schäden für die Volkswirtschaft und die Sozialkassen sowie das durch entsprechende Erkrankungen entstehende menschliche Leid lassen in den Augen der Initiative neue gesetzliche Regelungen notwendig erscheinen. So werden die Kosten psychischer Erkrankungen auf insgesamt über 43 Milliarden Euro geschätzt, bei 52 Arbeitsunfähigkeitstagen. Letztere seien in den vergangenen fünf Jahren um etwa 80 Prozent angestiegen. Die Initiative fordert, Arbeitszeiten und -rhythmen so zu regeln, dass Gefährdungen der psychischen Gesundheit weitgehend vermieden werden können. Unterstützt wird die Initiative von den Gewerkschaften. So habe die IG-Metall bereits vor einem Jahr eine "Anti-Stress-Verordnung" vorgelegt.
Dem Kopf soll es besser gehen, SZ 3.5.13


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Arbeit mit anderen Augen sehen 
Mittwoch, 8. Mai 2013 - Arbeit
Die Welt am Sonntag beleuchtet in einem schönen Beitrag die unterschiedlichen Perspektiven der Weltreligionen auf das Thema Arbeit - und findet dabei viele positive Anknüpfungspunkte für stressgeplagte Arbeitnehmer. Einig scheinen sich dabei alle Glaubensrichtungen darüber zu sein, dass man der Arbeit, so anstrengend sie vielleicht sein mag, immer auch sinnhafte Aspekte abringen könne - indem man sich in Hingabe übt, auch unbedeutende Aufgaben wertschätzt und mit Freude dient. Aus buddhistischer Sicht trägt zur freudvollen Arbeit bei, Aufgaben wahrzunehmen, die dem Leben insgesamt dienen. Zerstörerische Tätigkeiten hingegen seien kaum geeignet, Frieden zu finden. Auch sei es hinderlich, von Arbeit das Paradies zu erwarten, denn Frust und Schmerz gehörten zum Leben nun einmal dazu. Insgesamt richtet der Beitrag ein Augenmerk darauf, realistischer mit den Herausforderungen der Arbeitswelt umzugehen. Zwar müssten auch die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen, doch habe der Einzelne letztlich auch Gestaltungsspielräume, allein dadurch, dass er entscheiden kann, welche Erwartungen im Hinblick auf Arbeit er kultiviert und ob er vermeintlichen Belastungen auch positive Perspektiven abringen kann.
Ist Arbeit nicht paradiesisch? WamS 28.4.13


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