Wie das Ich seinen inneren Kompass verliert 
Dienstag, 7. Oktober 2014 - Wissenschaft
In einem Interview mit der Wirtschaftswoche spricht der Soziologe Heinz Bude über ein subtiles Angstphänomen, das immer mehr unser menschliches Selbstbild zu prägen scheint. In der Multioptionsgesellschaft gerät seiner Ansicht nach das liberale Ich in die Krise, weil es immer weniger eine Antwort auf die Frage, was will ich eigentlich, zu finden scheint. "Ich glaube, dass die Ära des selbstbestimmten, innengeleiteten Menschen sich dem Ende zuneigt. Dieser Mensch hatte noch einen sehr individuellen Lebensplan. Er fragte sich etwa: Soll ich einen guten Bildungsroman lesen, mich mit Gottesfragen beschäftigen oder die Relativitätstheorie zu verstehen suchen? Ein solcher Typ suchte und fand Anerkennung - nicht zuletzt bei sich selbst", so Bude. Da in der Arbeitswelt immer mehr die Anpassung zähle, entwickeln in den Augen des Soziologen immer mehr Menschen eine Art "Geschmeidigkeit", die sie ihren inneren Kompass verlieren lässt. Die Folge: "Der außengeleitete Mensch muss ständig auf den Anderen schauen, sich vergleichen. Daraus erwächst eine permanente Angst des Ungenügens. Keine spezifische, leicht adressierbare Angst, sondern eine allgemeine, diffuse Angst im Hinblick auf andere", erklärt der Soziologe. Das Fatale daran: "Diese Angst ist eine Stimmung. Im Unterschied zum Affekt, der plötzlich aufblitzt, bildet sie den atmosphärischen Rahmen für die Art und Weise, in der wir die Welt wahrnehmen. Vielleicht kann man am besten mit einem Bild beschreiben: Die Stimmungsangst hat etwas Rieselndes, sie dringt unmerklich in die Poren der Gesellschaft ein."
Die rieselnde Angst vor dem eigenen Ungeschick, WiWo 28.9.14

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Wie ist der Reichtum in Deutschland wirklich verteilt? 
Donnerstag, 24. Juli 2014 - Wissenschaft
Spätestens seit der französische Ökonom Thomas Piketty mit seinem Buch über das Kapital im 21. Jahrhundert die Diskussion um die Vermögensverteilung und damit verbunden die wachsende Ungleichheit wieder angefeuert hat, fragen sich viele, wie reich "die Reichen" denn wirklich sind. Eine Frage, auf die es kaum eine Antwort zu geben scheint. Wie die taz jüngst berichtete, existieren nämlich nicht wirklich belastbare Daten dazu, wie viel die Superreichen tatsächlich besitzen. Die EZB führte zwar im vergangenen Jahr in den Euroländern eine Haushaltsbefragung durch - die Teilnahme war jedoch freiwillig, und die Reichen machten wohl nicht mit. Denn die Ergebnisse der Untersuchung führen den reichsten Haushalt Deutschlands mit einem Vermögen von 76 Millionen Euro - allein die Aldi-Brüder kommen laut taz indes gemeinsam auf 40 Milliarden Euro. Die EZB glich ihren lückenhaften Datenbestand schließlich mit der Forbes-Liste der Milliardäre ab. Das führt zu dem Schluss, dass es in Deutschland 52 Milliardäre gibt, die insgesamt 183,3 Milliarden Euro besitzen. Die Millionäre - in Deutschland besitzen laut Schätzung der EZB rund eine Million der Haushalte mehr als eine Million Euro - wurden indes nicht mitgezählt. Hochgerechnet auf Basis einer Pareto-Verteilung kommt die EZB zu dem Schluss, dass 32-33 Prozent des Volksvermögens in den Händen des reichsten Prozents der deutschen Bevölkerung findet. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung kam vor einigen Jahren zu ähnlichen Erkenntnissen - seinerzeit wurden die Daten des Sozioökonomischen Panels mit der Reichenstudie des Manager Magazins kombiniert, und auch hier ergab sich, dass das reichste Hundertstel der Bevölkerung wohl ein Drittel des Volksvermögens besitze. Die taz führt an, dass die Einführung einer Vermögensteuer mehr Klarheit in die Besitzverhältnisse bringen könnte, denn dan gebe es eine Vollerhebung der Besitztümer.
Billionen Euro gesucht, taz 18.7.14


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Pillen-Power bringt nichts 
Freitag, 11. Juli 2014 - Wissenschaft
Ritalin und Modafinil heißen die besten Freunde derer, die glauben, durch Amphetamine ihre Power bei der Arbeit zu erhöhen. Laut DAK greifen bereits zwei Millionen Deutsche zu Aufputschmitteln und Psychopharmaka, um im Job mehr Leistung zu bringen. Das Magazin health@work zitiert in einem Beitrag verschiedene Mediziner, die vor den Langzeitfolgen des Medikamentenmissbrauchs warnen. „Ritalin und Modafinil führen in Einzelfällen kurzfristig zwar zu mehr Leistung, aber langfristig in die Abhängigkeit. Dazu kommt, dass sich die Persönlichkeit verändert und die Menschen angespannt und aggressiv werden. Außerdem machen sie auch mehr Fehler“, sagt etwa Prof. Dr. med. Götz Mundle, medizinischer Geschäftsführer der Oberberg Kliniken. Der Gesundheitswissenschaftler und Führungskräfteberater Gisbert Stein ergänzt mit Blick auf den neuen Trend, sogar zu gefährlichen Drogen wie Chrystal Meth zu greifen: „Wenn die Wirkung nachlässt, folgt eine depressive, sehr unangenehme Phase, die verbunden ist mit dem Wunsch, den vorherigen Zustand wiederherzustellen.“ Insgesamt sind sich die Mediziner einig, dass kurzfristiges Hirndoping nicht nur körperliche Folgeschäden nach sich zieht, sondern auch anhaltende negative Veränderungen im Gehirn, was zu Depressionen bis hin zum totalen Zusammenbruch führen könne.
Schluck ihn weg!, health@work 3.2014

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Werte und die Kultivierung innerer Erfahrung 
Dienstag, 1. Juli 2014 - Wissenschaft
Harald Walach, klinischer Psychologe, Philosoph und Wissenschaftshistoriker, wirft in einem Beitrag zum Thema Wertentwicklung einen Blick darauf, welche Bedeutung unsere innere Erfahrungswelt für das, was wir als sinnvoll und werthaft erachten, hat. Walach betrachtet Werte als eine "innere Struktur der Welt", die sich aus systematischen inneren Erfahrungen ergibt. "Um zu Werten und guten Wertentscheidungen zu gelangen, als Individuen und als Gesellschaft, als Einzelne und als Kultur, benötigen wir eine Kultivierung des Geistes, also eine Systematisierung dieses Innenzugangs zur Welt. Dies ist das Programm einer Geistes- oder Bewusstseinskultur", erklärt Walach. In seinen Augen ist Meditation "ein Programm der Kultivierung einer Innerlichkeit im Dienste von Erkenntnis". Seine Folgerung: "Wenn wir als Einzelne diese Übung der Kultivierung unseres Geistes in unser Leben einbauen, werden wir leichter Zugang zur tieferen Sinnstruktur unseres je eigenen Lebens erhalten und zur allgemeinen Wertestruktur, die unser Handeln sinnvoll und lebenswert macht." Vergleicht man diese Betrachtungsweise mit gängigen Wertediskursen, wird es interessant, denn der Zugang zu Werten über eine Praxis, die die Perspektive eines von der Welt getrennten Ichs transzendiert, stellt Werte im Prinzip auf eine völlig neue Stufe. Werte, die sich als Folge innerer Erfahrungsprozesse etablieren, die nicht von einem Ego gemacht werden, sondern aus einem Raum aufsteigen, in dem sich das Ich als vitaler Teil der Welt wahrnehmen kann, dürften deutlich umfassender und allparteilicher sein als solche, die explizit aus einer eher individualistischen Wahrnehmung der Welt erwachsen. Und: Wenn Werte die Folge bewusst verarbeiteter innerer Erfahrungen sind, müssen wir sie uns nicht wie etwas Äußerliches aneignen, sondern sie steigen quasi aus unserem Inneren auf.
Wir kommen wir zu Werten und Wertentscheidungen, 14.6.14

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Umfrage zum Thema Meditation 
Montag, 30. Juni 2014 - Wissenschaft
Da mir die wissenschaftliche Forschung zum Thema Meditation ein großes Anliegen ist, möchte ich heute auf ein aktuelles Studienvorhaben der Bachelor-Studentin Miriam Büxenstein von der Europa-Universität Viadrina hinweisen. Im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit untersucht Büxenstein die Motivation von Meditierenden und die Wirkungen der Meditation auf das körperliche Wohlbefinden. Die Umfrage ist innerhalb weniger Minuten zu bewältigen, und ich würde mich freuen, wenn möglichst viele Leserinnen und Leser diese Forschungsarbeit durch ihre Teilnahme unterstützen.
Zur Online-Umfrage

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Studenten fordern mehr Vielfalt im Wirtschaftsstudium 
Dienstag, 3. Juni 2014 - Wissenschaft
Die internationalen Wirtschaftswissenschaften sind nach wie vor dominiert von der Perspektive des neoklassischen Ansatzes, doch immer mehr Studenten beklagen diese Einseitigkeit und wünschen sich Lehrangebote, die der Vielfalt ökonomischer Perspektiven Rechnung tragen. So berichtet Zeit Online über eine Initiative der Universität Manchester, die von Studenten ins Leben gerufen wurde, um Seminare zu ökonomischen Theorien jenseits des Mainstreams, beispielsweise ökologische oder feministische Ansätze, anzubieten. Ein erster, in den Augen der Studenten erfolgreicher Testlauf, wurde indes von der Universitätsleitung inzwischen beendet, mit der Begründung, ab dem Winter 2015 ein von der Hochschule entwickeltes Angebot in den Studienplan zu integrieren. Die Studentenschaft setzt währenddessen ihre Eigeninitiative fort. Der Trend zu mehr Vielfalt in den Wirtschaftswissenschaften, die von den Studierenden gefordert wird, ist inzwischen zu einem internationalen Phänomen geworden. Ökonomie-Studenten aus 19 Ländern unterschrieben kürzlich ein Manifest, das einen Kurswechsel in den internationalen Lehrplänen fordert. Von den 40 studentischen Vereinigungen, die zu den Unterzeichnern zählen, stammen 15 Gruppen aus Deutschland.
Die Generation Finanzkrise will Alternativen, Zeit Online 26.5.14


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Meister Eckhart Preis 2014 geht an Seyla Benhabib 
Montag, 20. Januar 2014 - Wissenschaft
Das Thema Zuwanderung führt in den Medien ja seit einigen Wochen wieder zu verstärkten Auseinandersetzungen, da durch die Freizügigkeit innerhalb der EU immer mehr Länder eine wachsende Armutsmigration befürchten. Betrachtet man Migration allein unter diesen Vorzeichen, wird sie leicht zu einem rein wirtschaftspolitischen Thema - und es gerät aus dem Blick, dass viele der in öffentlichen Debatten geäußerten Befürchtungen auch damit zu tun haben könnten, dass Zuwanderung nach wie vor im Kern auch unsere Identitäten berührt und unser Verständnis davon, welche Rechte und Pflichten Menschen in einer globalisierten Welt haben. Umso mehr freut es mich, dass dieses Jahr die politische Philosophin Seyla Benhabib mit dem Meister Eckhart Preis ausgezeichnet wird. Der mit 50.000 Euro einer der angesehensten Wissenschaftspreise in Deutschland ehrt die in Yale lehrende Philosophin, weil sie in ihrem Werk das Augenmerk darauf richtet, dass Menschenrechte und Migration in ihrer Komplexität nur adäquat betrachtet werden können, wenn wir sowohl juristische als auch politische und identitäre Faktoren in Einklang bringen. Und dass es - mit Bezug auf Hanna Arendt - auch ein menschliches Recht gibt, überhaupt Rechte zu haben. Es wäre sicherlich wünschenswert, dass die Preisverleihung einen Beitrag dazu leistet, dass die gegenwärtige politische Diskussion wieder etwas facettenreicher geführt werden könnte.
Pressemitteilung zum Meister Eckhart Preis 2014

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Meditieren macht glücklich 
Donnerstag, 16. Januar 2014 - Wissenschaft
Macht Buddhismus glücklich? Diese Frage stellte der Nachrichtensender n-tv dem Neurowissenschaftler und Arzt Tobias Esch. Esch unterscheidet drei Formen des Glücks - den kurzen Hochmoment, der mit Lust und Befriedigung einher geht, die Erleichterung, wenn sich Stress oder eine schwere Situation auflöst, und eine dritte Form, die anhaltende Zufriedenheit mit sich bringt, eine Verbundenheit mit dem Sein. Letztere kann sich vor allem durch Meditation, wie sie im Buddhismus praktiziert wird, einstellen, da hier ein Loslassen geübt wird sowie die Achtsamkeit auf den Moment. "Die Erfahrung im Jetzt, mit einer Haltung der Akzeptanz und dem bewussten Kontakt mit uns selbst und den Menschen um uns herum - das allein kann schon glücklich machen", so Esch. Vielleicht sollten wir uns einfach gut überlegen, ob wir wirklich immer nach dem vermeintlich großen Glücksgefühl streben sollten, dass wir uns durch Impulse von außen erkaufen, oder ob es uns nicht viel zufriedener macht, aus der eigenen inneren Ruhe zu schöpfen.
Macht Buddhismus glücklich? n-tv 7.1.14

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