Torpediert ein hoher Selbstwert unser Einfühlungsvermögen? 
Donnerstag, 19. November 2020 - Lebensart, Psychologie, Studien
Irgendwie erscheint es uns auf den Blick logisch, dass man sich gerne mit Menschen umgibt, die das eigene Selbstwertgefühl steigern. Studien zeigen jedoch, dass gerade Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl gerade nicht so ticken. Sie springen eher auf Mitmenschen an, die ihr ohnehin schon negatives Selbstgefühl bestätigen. In der Psychologie ist dieses Phänomen seit 40 Jahren als Selbstbestätigungstheorie bekannt. Und kürzlich belegte eine amerikanische Studie den Effekt erneut, allerdings im Hinblick auf Einfühlungsvermögen. Die Probanden wurden mit Fallgeschichten konfrontiert, in denen Menschen mit hohem und niedrigem Selbstwert sich für einen Chef oder Mitbewohner entscheiden sollten, der diese entweder positiv oder negativ beurteilt. Dabei zeigte sich: Menschen, die selbst ein hohes Selbstwertgefühl hatten, konnten sich kaum vorstellen, dass jemand sich freiwillig einen negativen Bewertungskontext aussucht. Diejenigen unter den Probanden, die ein eher negatives Selbstwertgefühl hatten, zeigten hier indes mehr Einfühlungsvermögen und konnten sich eine solche Wahl eher vorstellen. Diese Tendenz zeigte sich in der Studie selbst dann, wenn die Probanden zuvor Informationen über den Selbstbestätigungseffekt erhalten hatten. In meinen Augen zeigt diese Studie nicht nur, wie stark unsere Selbstbilder wirken, sondern auch, dass Menschen, die sich stärker mit negativen Lebenserfahrungen identifizieren, vielleicht auch einfach verletzlicher sind - und damit offener für die Verletzlichkeiten anderer.
Selbstwertgefühl setzt der Empathie Grenzen, spektrum.de 5.11.20

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Wie wir uns Räume des Vertrauens schaffen 
Mittwoch, 18. November 2020 - Lebensart, Psychologie, Studien
Menschen vertrauen zu können, erscheint unerlässlich im Leben. Und psychologische Studien zeigen, dass Menschen, deren Vertrauen enttäuscht wurde, sich dann einfach umorientieren, wem sie künftig vertrauen. In vier verschiedenen Studien wurden Szenarien betrachtet, in denen das Vertrauen von Menschen entweder durch ihre eher privaten Kontakte oder durch Institutionen wie den Arbeitgeber oder die Politik enttäuscht wurde. Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass das Vertrauen dieser Menschen nicht grundsätzlich erschüttert wurde, sondern sie die Bezugsgruppe, der sie künftig vertrauten, veränderten. Wurde jemand beispielsweise im Privaten von Nahestehenden enttäuscht, vertraute er künftig stärker Menschen aus dem beruflichen Umfeld oder ähnlichen, eher öffentlichen Kontext. Umgekehrt suchten Menschen, die beispielsweise politisch das Vertrauen verloren, von da an Vertrauenspersonen eher im Familiären und privaten Umfeld. Dieser Effekt war zwar nicht groß, aber signifikant. Die Wissenschaftler erklären den Vertrauensumschwung damit, dass wir zutiefst auf Menschen angewiesen sind, denen wir vertrauen können. Und werden wir enttäuscht, suchen wir diesen tieferen Halt dann intuitiv bei anderen Menschen.
Wir müssen vertrauen, Psychologie heute 9.10.20

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Brauchen Kinder Meditation? 
Dienstag, 17. November 2020 - Lebensart, Psychologie
Der Achtsamkeits-Trend hat längst auch die jüngere Generation erreicht. In Zeiten, in denen selbst das gewöhnliche Schulpensum bei immer mehr jungen Menschen zu Druck, Stress und Versagensängsten führt, erscheint dies wie ein logischer nächster Schritt. Viele Schulen beschäftigen sich bereits damit, wie sie ihre Schüler*innen durch Meditation unterstützen können, Resilienz zu kultivieren und den bestehenden Anforderungen besser zu begegnen. Der Start-up Aumio tritt nun, um mit einer App verschiedene Achtsamkeits-Programme für die Altersgruppe der 6- bis 12-Jährigen zugänglich zu machen. Die App verbindet bewährte Achtsamkeitsmethoden mit Übungen aus der kognitiven Verhaltensforschung sowie kindgerechten Geschichten. Eltern können in der App nach Themen wie Wutausbrüche, Schüchternheit oder Schlafprobleme suchen und ihren Kids dann die entsprechenden Programme zum Üben geben. Auf den ersten Blick scheint das natürlich sehr hilfreich. Aber irgendwie erscheint es mir auch bedenklich, dass anscheinend heute selbst Kinder schon von dieser Welt in nicht zu unterschätzendem Maße überfordert zu werden scheinen. Wäre es nicht mindestens genau so wichtig, viel mehr zu betrachten, warum und wodurch Kinder heute schon so gestresst sind, dass sie eine Achtsamkeits-App brauchen? Unsere moderne Kultur pocht ja oft auf Effizienz und Effektivität. Beides wäre sicher leichter erreicht, wenn wir Lebensumstände schaffen, die nicht schon beim Nachwuchs in jungen Jahren Verschleißerscheinungen hervorrufen.
Mit dieser App sollen Kinder zur Gelassenheit finden, welt.de 6.11.20

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Unsere Kultur systematischer Überlastung 
Montag, 16. November 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Studien, Arbeit
Immer mehr Psychologen warnen, dass wir die psychischen Folgen der Corona-Pandemie noch viel zu wenig in den Blick nehmen. Dabei ist unsere Alltagskultur auch ohne diese Krise bereits von vielfältigen Erfahrungen des Selbstverschleißes geprägt. Die Wirtschaftswoche hat sich einmal die Mühe gemacht, die diesbezüglichen Erkenntnisse wissenschaftlicher Studien aus den vergangenen Jahren zusammenzustellen. Der Überblick zeigt: Gerade unsere Arbeitswelt scheint heute davon zu leben, dass Menschen regelmäßig die Grenzen ihrer Belastbarkeit systematisch ignorieren (müssen), um bei dem, was von ihnen gefordert wird, mithalten zu müssen. Schon 2013 litten laut Destatis 17,5 Prozent der Menschen unter Zeitdruck und Arbeitsüberlastung. Manche Bevölkerungsgruppen waren besonders betroffen, beispielsweise Führungskräfte (29 Prozent) und die Altersgruppe der 45- bis 55-Jährigen (20,2 Prozent). Eine Eurostat-Übersicht zeigt, dass in der EU etwa sechs Prozent der Bevölkerung unter Depressionen leiden, in Deutschland liegt der Wert mit 9,2 Prozent sogar etwas höher. Es sind Zahlen, die zum Nachdenken anregen. In den letzten Jahren überbieten sich die Krankenkassen immer wieder aufs Neue mit steigenden Zahlen zur psychosozialen Belastung der Bevölkerung. Doch immer noch wird dieses Phänomen meist individualisiert und versucht, durch persönliche Behandlung in den Griff zu bekommen. Eine Studie aus Schweden zeigte kürzlich, dass das womöglich zu kurz greift, denn individuelle Therapieerfolge werden oft genug durch die kulturellen Umstände, in die Behandelte zurückkehren, wieder negiert. Zeit, endlich mehr auf die kulturelle Dimension zu schauen!
Wenn Arbeit krank macht, WiWo 3.11.20

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Krise als Chance zum Aufbruch 
Freitag, 13. November 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit, Management
Für den DIW-Ökonom Marcel Fratscherzer ist schon lange klar, dass der Neoliberalismus und der freie Markt die Unwuchten unserer Gesellschaft nicht regeln werden. In der aktuellen Krise sieht er auch die Chance für einen nachhaltigen Wandel: "Die Krise ist eine Chance. Es ist übrigens für die Vergangenheit wissenschaftlich belegt, dass Krisen häufig zu einem neuen Bewusstsein führen: Dass sie den Menschen bewusst machen, was ihnen wichtig ist, und dadurch Veränderung ermöglichen." In seinem neuen Buch fragt er deshalb: "Wie kann und muss sich unsere Gesellschaft verändern, um die Herausforderungen der Coronapandemie bewältigen?" In der Diskusison um systemrelevante Berufe werde beispielsweise deutlich, wie verquer bisher unser Verständnis von Leistung ist. "Es ist jetzt vielen bewusst geworden, dass wir in Zukunft anders über Leistung sprechen müssen. Seit Jahren heißt es, wir müssen die Leistungsträger entlasten, gemeint waren Menschen mit hohen Einkommen. Die Coronakrise macht uns bewusst, wie verquer diese Diskussion ist. Heute zeigen Umfragen, dass die meisten Menschen mittlerweile sagen, echte Leistungsträger sind Menschen, die in Krisenzeiten, wenn es darauf ankommt, für andere da sind", erklärt er. Für ihn liegt ein mögliches Learning aus der Krise darin, die Beziehung zwischen Staat und Wirtschaft neu zu definieren: "Nach dreißig Jahren verschiedener Krisen, inklusive der globalen Finanzkrise 2008, die ja letztlich auch durch dieses neoliberale Dogma verursacht wurde, dass Märkte sich selber regulieren können, brauchen wir eine neue, kluge Balance zwischen Staat und Markt."
„Niemand sagt nun: Der Staat ist das Problem“, Der Freitag 44/2020

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Stehen wir am Rande eines Corona-Burn-out? 
Mittwoch, 11. November 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Einige psychologische Studien zeigen bereits, wie sehr die gegenwärtige Lage den Menschen seelisch zusetzt. Der Psychiater Joachim Galuska warnt bereits vor einem "Corona-Burn-out", der sich hier abzeichne. Die von ihm gegründeten Heiligenfeld Kliniken in Bad Kissingen haben bereits jetzt mehr als 50 Prozent mehr Anfragen für Krankenhausbehandlungen. "Ich bin davon überzeugt, dass wir auf einen Corona-Burnout zusteuern. Je länger Corona bleibt, umso mehr ist die Gefahr von Burnout-Erkrankungen in der Gesellschaft gegeben. Normalerweise dauert ein solcher Prozess ungefähr ein halbes Jahr", so Galuska. Als bedrohlich sieht er, dass viele Menschen der dauerhaften Anspannung, der sie ausgesetzt sind, nicht mehr lange werden standhalten können. Hinzu komme, dass manche Menschen ohnehin schon mit der immer größer werdenden Komplexität des Lebens überfordert sind. Galuska sieht aber auch die Chancen, die in der Krise liegen, sofern Menschen die Hilfe bekommen, die sie benötigen. "Die Erfahrung zeigt: Menschen, die einen Burnout-Prozess hinter sich haben, sind hinterher meistens reifer und führen ein besseres Leben als vorher. Sie haben ihr Leben durch die Therapie und durch Selbstreflexion verändert, weil sie erkannt haben, was sie falsch gemacht haben. Häufig haben die Erkrankten gegen ihre Werte verstoßen. Sie haben oft zu lange in einer Situation gelebt, mit der sie nicht im Einklang waren", sagt er. Vielleicht trägt ja auch die sich mehrende Zeit für Reflexion und das immer kleiner werdende Angebot an Ablenkungen dazu bei, dass Menschen sich vermehrt mit ihrer persönlichen, inneren Situation auseinandersetzen. Und in der Pandemie wird dann nur offensichtlich, was eigentlich schon länger schief läuft. Insofern könnte die Krise auch im positiven Sinne zum Wegbereiter für Veränderungen werden, wenngleich diese sich erst einmal schmerzlich ankündigen.
"Steuern auf einen Corona-Burnout zu": Psychiater aus Franken sieht Pandemie als extreme Belastung, inFranken.de 30.10.20

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Freizeitbeschäftigungen sind gut fürs Gemüt 
Dienstag, 10. November 2020 - Lebensart, Psychologie, Studien
Wer in seiner Freizeit etwas macht, das ihm Freude bereitet, ist wesentlicher besserer Stimmung als Menschen, die keinem Hobby nachgehen. Eine britische Studie zeigt nun, dass angenehme Freizeitbeschäftigungen auch Menschen mit Depressionen in besserer Verfassung sein lassen. Diese Erkenntnis fußt in der Analyse der Daten einer Langzeituntersuchung, in der 8.800 ältere Erwachsene über zwölf Jahre lang mehrmals befragt worden waren. Den Wissenschaftlern lagen Angaben zur Gemütsverfassung vor und zu depressiven Symptomen sowie darüber, ob die Befragten einem Hobby nachgingen (wobei hier in der Studie nur Personen betrachtet wurden, die Beschäftigungen zum Zeitvertreib nachgingen ohne Sport - da Sport erwiesenermaßen auch das psychische Befinden positiv beeinflusst). Unter jenen, die einem Hobby nachgingen, war das Risiko, im Verlauf der Studie an einer Depression zu erkranken, um 32 Prozent geringer als bei Menschen, die keiner solchen Beschäftigung nachgingen. Bei jenen, die schon an einer Depression erkrankt waren, zeigte die Freizeitbeschäftigung positive Folgen. Die Erkrankten entwickelten weniger gravierende Symptome und ihre Chance auf Genesung war drei Mal so hoch wie bei den Erkrankten ohne Hobby.
Hilft ein Hobby gegen Depression?, spektrum.de 23.10.20

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Corona macht uns sparsam 
Freitag, 6. November 2020 - Lebensart, Wissenschaft
Als ich letzte Woche bei meiner Friseurin war, wurde mir deutlich, wie stark die Corona-Krise auf unsere alltäglichen Gewohnheiten durchschlägt. Sie klagte über einen Umsatzeinbruch von rund 30 Prozent - weil die Leute weniger ausgehen, weniger Feste feiern und es irgendwie kaum noch Anlässe gibt, die dazu animieren, sich aufzuhübschen. Ich trage weiterhin treu zu ihrem Umsatz bei, weil ich es einfach nicht leiden kann, wenn meine praktische Kurzhaarfrisur beginnt, ein Eigenleben zu führen ... Aber grundsätzlich scheint es ein Trend zu sein, die eigenen Konsumaktivitäten zurückzufahren. Einer Untersuchung des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken zufolge ist die Sparquote gegenwärtig mit 15 Prozent so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr. 56 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sparsamer leben. Man kann natürlich denken, dass in der Krise und in Anbetracht einer ungewissen Zukunft viele Menschen reflexhaft dazu neigen, ihr Geld zusammenzuhalten. Vielleicht zeigt der Wegfall vieler Konsumaktivitäten uns aber auch, dass wir vieles, das wir gewohnt sind, schlicht nicht brauchen.
Repräsentative Umfrage: So viel Geld haben die Deutschen im letzten Jahr durchschnittlich angespart, Business Insider Deutschland 28.10.20

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