Agile Selbstausbeutung? 
Mittwoch, 19. Juni 2019 - Arbeit, Management
Viele Firmen, die versuchen, agile Arbeitsweisen einzuführen, sind sich kaum bewusst, welche vielleicht unerwünschten Nebenwirkungen sich einstellen können, wenn man Agilität einfach als eine neue Methode nutzt, aber die alten Strukturen eigentlich nicht antasten möchte. Was passiert beispielsweise, wenn manche Mitarbeiter aus familiären Gründen nicht ständig bereitstehen können? Wer entscheidet dann, was zu tun ist? "Beim agilen Arbeiten ist das öfter ein Aushandlungsprozess, denn es gibt nicht unbedingt jemanden, der so etwas einfach entscheidet. In so einem Fall kann Hierarchie auch entlasten. Und auch klare Regeln, auf die man sich berufen kann. Generell stellt sich die Frage, was unter agilem Arbeiten verstanden wird. Es wird zunehmend als Allgemeinplatz für flexibles Arbeiten verwendet", so die Wissenschaftlerin Stephanie Porschen-Hueck, die am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. zu diesen Themen forscht, in einem Interview mit Spiegel.de. Sie warnt: "Agiles Arbeiten bietet auch Potenzial zur Selbstausbeutung. Wer sich stark mit seinem Unternehmen identifiziert und viel Verantwortung trägt, der ist auch bereit, viel zu geben. Das kann eine Zeit lang passen - und es wird natürlich individuell sehr unterschiedlich wahrgenommen, wann eine Grenze überschritten ist." Ihrer Erfahrung nach wächst in agilen Strukturen der Druck, den Menschen auf sich selbst ausüben - die unschöne Nebenwirkung flexibler Strukturen, in denen Anordnungen nicht mehr einfach von oben kommen. Es sei nicht ungewöhnlich, dass Agilität die Belastungen der Mitarbeiter erhöhe. "Einige stehen so sehr unter Druck, dass sich die Krankheitsquote erhöht. Wenn das gekoppelt ist mit privaten Problemen, kann es auch zu schweren Erkrankungen wie Burn-out kommen", so Porschen-Hueck.
"Hierarchie kann auch entlasten", spiegel.de 4.6.19

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Agilität als Ausdruck des Turbokapitalismus 
Montag, 17. Juni 2019 - Arbeit, Management
Agilität ist in aller Munde. Unternehmen wollen in einer immer komplexer und schneller werdenden globalisierten Welt nicht die Abgehängten sein, also muss alles agil werden. Die "New Work"-Bewegung suggeriert dabei: Das ist nicht nur hip, es macht auch noch Spaß. Kritiker haben da einen etwas anderen Blick. "Wenn Unternehmen Agilität zu Ende denken, dann müssen sie, um in einer dynamischen Welt wettbewerbsfähig zu sein, mit sich immer wieder neu organisierenden Teams arbeiten – in denen nur die Besten und Geeignetsten, also Anpassungsfähigsten, bleiben können, um den Kundenwünschen von morgen gerecht zu werden. Verstehen Sie mich richtig, ich bin ja kein Kommunist, aber Agilität in letzter Konsequenz zu Ende gedacht, ist nichts anderes als turbokapitalistisches Gedankengut und New Work eine neue Form der real stattfindenden Bestenauslese", sagt etwa der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Würzburger in einem Interview mit der Wirtschaftswoche. Der Experte weist darauf hin, wie viel die Idee der Agilität Mitarbeitern abverlangt und die Phrasen der Management-Handbücher bei weitem nicht von allen Menschen erfüllbar sind: "Wir brauchen Stabilität im Inneren, damit wir in einer agilen Außenwelt arbeiten können. Es gibt viele Agilitätsfallen (siehe Klickliste). Allein die Beschleunigungsfalle spricht ja für sich: Nicht jeder Mitarbeiter ist dafür geeignet, sich selbst zu organisieren und sich ständig weiterzuentwickeln und sich ständig auf neue Teams einzulassen. Da kommen viele Menschen einfach nicht mehr mit." Würzburger weist darauf hin, dass agiles Arbeiten eine reife Individualität voraussetzt. Und diese zu entwickeln, erfordere einiges: "Innere Stabilität erlangt man nur durch einen tiefgehenden, menschlichen Reifungsprozess: Erkenne Dich selbst – dieser Lernprozess geht bis in den Tod."
Wenn Agilität zur Falle wird, WiWo 27.5.19


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Achtsamkeit erreicht die Ingenieure 
Freitag, 14. Juni 2019 - Lebensart, Arbeit, Management
Wann ein Thema wirklich zum Trend wird, erkennt man auch daran, welche Zielgruppen sich damit beschäftigen. Bei der Achtsamkeitswelle konnte man gut beobachten, wie zunächst Therapeuten, Mediziner und Coaches anfingen, Achtsamkeitsmethoden in ihrer Arbeit zu integrieren. Dann sprang das Business auf, vor allem in den Bereichen Coaching und Leadership. Inzwischen sickert Meditation durch in die verschiedensten Berufsgruppen. Das VDI-Portal ingenineur.de hat beispielsweise für seine Leser*innen eine kompetent recherchierte Übersicht zusammengestellt, die die aktuell verfügbaren Meditations-Apps vorstellt. "Auf den Schultern von Ingenieuren und Führungskräften lastet oftmals der Druck des Erfolges. Hohe Stressbelastung unter Führungskräften wirkt sich nicht nur negativ auf das Betriebsklima aus, sie belastet gleichermaßen die Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Eine Art Stress abzubauen, stammt aus der fernöstlichen Gesundheitslehre. Körper und Geist werden hier in Einklang gebracht. Achtsamkeit, Meditation, Thai Chi und Yoga verbessern die Gelassenheit, Gesundheit und Teamfähigkeit des Führungspersonals und übertragen ihre dauerhaft positiven Aspekte so auch auf die anderen Mitarbeiter", heißt es in dem Artikel. Faszinierend, mit welcher Selbstverständlichkeit hier über Achtsamkeit gesprochen wird. Vor ein paar Jahren noch undenkbar ...
Die besten Meditations-Apps für Führungskräfte, ingenieur.de

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Stress ist ein gigantisches Geschäftsfeld 
Donnerstag, 6. Juni 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit, Management
Stressbewältigung ist in unseren Leistungsgesellschaften ein großes Thema. Weil die Überforderung uns krank macht, versuchen immer mehr Menschen, diesen Belastungen etwas entgegenzusetzen. Die Deutsche Welle hat in einem großen Artikel zusammengestellt, wie das Geschäft mit dem Stress längst zu einer Milliarden-Industrie geworden ist. Calm, Anbieter einer Meditations-App, wird ein Marktwert von einer Milliarde Dollar zugeschrieben. Der Markt für Yoga-Bekleidung soll weltweit bis 2022 auf 3,4 Milliarden Dollar ansteigen. Auch der Handel mit so genannten Superfoods, die uns gesünder, wacher und leistungsfähiger zu machen versprechen, explodiert - und Menschen geben Unmengen dafür aus, wenn die Versprechen nur vollmundig genug sind. Es ist schon interessant zu sehen, wie hier eine Businesswelt, die immer mehr Menschen zu verschlingen scheint, selbst aus diesem Szenario noch Profite schöpft. Andererseits: Meditieren kann jede*r, ganz kostenlos. Vielleicht habe ich so große Sympathien für Zen, weil es darin vordergründig um NICHTS geht ... Leben kann auch einfach sein.
Das Geschäft mit dem Stress, Deutsche Welle 25.5.19

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Wie viel müssen wir für unseren Lebensunterhalt arbeiten? 
Dienstag, 4. Juni 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Studien, Arbeit
Wir arbeiten, um unseren Lebensunterhalt sicherzustellen. Doch wie viel Arbeit dafür notwendig oder angemessen ist, ist auch die Folge komplexer kultureller Entwicklungen. Eine britische Studie zu den Unterschieden zwischen Jäger- und Sammler-Gesellschaften und von Landwirtschaft geprägten Bevölkerungen ist hier sehr aufschlussreich. Untersucht wurden hier Mitglieder der indigenen Agta in den Philippinnen, die zum Teil noch heute als Jäger und Sammler leben und sich zum Teil auf die landwirtschaftliche Lebensweise eingelassen haben. Dabei zeigte sich: Gruppen, die jagen und sammeln, benötigen etwa 20 Stunden pro Woche, um das, was sie zum Leben brauchen, zu finden. Die landwirtschaftlich lebenden Agta hingegen müssen 30 Stunden pro Woche aufwenden, um ihre Ernährung sicherzustellen. Die wachsende Komplexität der Lebensumstände hat also ihren zeitlichen Preis. Heute, in einer Zeit der so genannten Normalarbeitsverhältnisse (und ihrer prekären Ableger) gehen wir häufig von äußeren, kulturell geschaffenen Formen aus, um daraus abzuleiten, wie viel wir arbeiten (müssen) und was wir zu brauchen glauben. Und wir beklagen uns oft über einen Mangel an Zeit. Ich möchte auf keinen Fall retroromantisch werden, aber bei Beispielen wie dieser Studie wird mir bewusst, wie unhinterfragt wir das Leben uns oft in eine bestimmte Richtung ziehen lassen. Mehr Komplexität in unseren Lebensumständen empfinden wir dann als besser, merken aber nicht, dass wir dafür an anderen Stellen auch einen Preis zahlen - und hinterfragen kaum noch, ob wir dazu eigentlich bereits sind.
Jäger und Sammler haben mehr Freizeit, wissenschaft.de 21.5.19

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Weiterbildung Achtsamkeit am Arbeitsplatz 
Montag, 3. Juni 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Arbeit, Management
Achtsamkeit boomt und viele Berater*innen würden gerne auf den Zug aufspringen. Doch wie findet man eine passende Weiterbildung? Die Ausbildung zum MBSR-Lehrenden beispielsweise ist hochkarätig, aber auch sehr zeitintensiv. Und viele Angebote mit eher kurzer Dauer sind oft nicht nachhaltig. Ein guter Bekannter von mir, Rüdiger Standhardt, gehört zu den Pionieren im Feld der Achtsamkeits-Schulung. Er unterrichtet auch MBSR, hat aber für Menschen, die vor allem in Business-Kontexten mit Achtsamkeit arbeiten möchten, ein besonderes Programm entwickelt, das den Bedürfnissen dieser Zielgruppe gerecht wird. Ab dem Sommer bietet er wieder eine einjährige Trainer-Ausbildung "Achtsamkeit am Arbeitsplatz" an, die ich wärmstens empfehlen kann. In zwölf Tagen ermittelt er alles, was man wissen sollte, um andere Menschen in Achtsamkeit anzuleiten - viel eigene Praxis inklusive. Die Weiterbildung findet in Hofheim am Taunus und in Frankfurt am Main statt.
Trainer-Ausbildung Achtsamkeit am Arbeitsplatz

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Gemeinwohl ist vielen wichtig 
Dienstag, 28. Mai 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Studien, Arbeit, Management
Immer mehr Menschen entwickeln ein Gespür dafür, wie wichtig es in der heutigen Zeit ist, bei allem, was wir tun, auch das Gemeinwohl im Blick zu haben. Für die Erstellung des Gemeinwohl-Atlas befragten die Handelshochschule Leipzig und die Universität St. Gallen 12.000 Deutsche, welche Organisationen ihrer Meinung nach am ehesten zum Gemeinwohl beitragen. Dabei zeigt sich eine klare Spaltung zwischen NGOs und eher gesellschaftlich agierenden Institutionen auf der einen und den Wirtschaftsunternehmen auf der anderen Seite. Feuerwehr, Polizei und ähnliche Organisationen genießen einen guten Ruf. Das beste Unternehmen in der Umfrage kommt hingegen erst auf Rang 30. Wenn es um Lebensqualität, Zusammenhalt, Moral und Aufgabenerfüllung geht, scheinen Firmen hier in der Wahrnehmung der Bevölkerung selten eine Vorreiterrolle einzunehmen und wenn, dann sind es vor allem Familienunternehmen, denen diese zugesprochen wird. 81 Prozent der Befragten äußerten Besorgnis, dass dem Gemeinwohl zu wenig Beachtung geschenkt werde. 71 Prozent wären bereit, für ein geringeres Gehalt als gewohnt zu arbeiten, wenn ihr Arbeitgeber sich in der Gesellschaft dienlicher Weise engagiert. Hier wächst also ein Bewusstsein für mehr gemeinschaftliche Orientierung - und gleichzeitig scheint es weiterhin schwer, dass diese Einstellungen auch einen gemeinsamen größeren kulturellen Ausdruck finden.
Soziale Sieger, HBM 21.5.19

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Agilität als wirkliche Praxis 
Montag, 27. Mai 2019 - Bewusstsein, Arbeit, Management
Im Business wird in der letzten Zeit viel über Agilität gesprochen, denn viele Unternehmen spüren, dass sie mit ausgeprägten Hierarchien und starren Prozessen die eigentliche Komplexität unserer Lebens- und Arbeitswelten zunehmend verfehlen. Doch gerade Agilität ist weit mehr als eine Methode, die man einfach mal so im Unternehmen zur Anwendung bringt. Denn all die Ansätze, die hier eingebracht werden, von flachen Hierarchien über mehr Eigenverantwortung bis hin zu völlig fluiden Prozessen, die sich immer wieder aufs neue finden und ausrichten, sind nicht einfach Tools, die man nutzt, sondern im Prinzip persönlichkeitsverändernde Türöffner für eine völlig neue Art des Zusammenseins und miteinander Arbeitens. Spiegel online zeigt am Beispiel des Telko-Unternehmens Sipgate, wie weitreichend diese inneren Prozesse sein können. Mitarbeiter, denen diese von ihnen angefragte Offenheit und Flexibilität zu schätzen wissen, blühen in solchen Kontexten auf, das zeigt der Artikel deutlich. Doch es gibt auch Menschen, die mehr Orientierung brauchen oder sogar klare Vorgaben. Bei Sipgate konnten sich nicht alle Mitarbeiter mit der agilen Arbeitsweise anfreunden und einige verließen das Unternehmen. Mir stellt sich an diesem Punkt immer wieder die Frage, wie wir dazu beitragen können, dass Menschen sich leichter für solche sich verändernden Umstände öffnen - nicht im Sinne von Anpassung, sondern indem sie wirklich innerlich wachsen. Das geschieht nicht auf Knopfdruck und in Unternehmen scheint momentan die natürliche Auslese, wie im Artikel beschrieben, eine verbreitete Entwicklung zu sein. Aber wie könnte es möglich werden, dass Firmen selbst Wachstumspfade kreieren, die Menschen in unterschiedlichen Graden mitnimmt und dabei dennoch in der Zusammenarbeit eine Ganzheit aufrechterhalten?
Wo Überstunden ein No-Go sind, spiegel.de 16.5.19

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