Mut geht übers Ich hinaus 
Montag, 27. Januar 2020 - Bewusstsein, Arbeit, Management
Der Harvard Business Manager widmet seine aktuelle Ausgabe der Frage, was Mut ausmacht. Ich bin vor allem an den Betrachtungen von Kai Dierke und Anke Houben, Gründer von Dierke Houben Leadership Partners, hängengeblieben, denn in dem, was sie sagen, eröffnet sich meiner Wahrnehmung nach eine Perspektive, die vor allem unsere Beziehungen zur Welt in den Blick nimmt - und, wie wir uns dieser Welt auszusetzen bereit sind. Die beiden sprechen beispielsweise vom "Mut zum Nichtwissen" und dem Verzicht auf vorschnelle Urteile, davon, eine Gefolgschaft zu schaffen, die sich nicht an der eigenen Person, sondern an etwas Größerem orientiert, sich selbst als "Lernexperiment" zu sehen und den Panzer des Selbstschutzes zu durchbrechen und Verletzlichkeit zuzulassen. Es sind Haltungen, die einen Menschen öffnen. Und es sind Haltungen, die natürlich beunruhigen, weil man (Schein)Sicherheiten aufgibt. Und sie drehen sich nicht darum, etwas zu machen oder zu erreichen. Sondern sie deuten irgendwie auf eine andere Berührbarkeit.
"Mut ist Bescheidenheit", HBM 16.1.20

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Wenn Achtsamkeit zum Incentive wird 
Freitag, 24. Januar 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Management
Es ist keine wirkliche Schlagzeile, aber eine Entwicklung, die tief blicken lässt. Letzte Woche verkündete die Hotelgruppe Hyatt, im Rahmen einer Partnerschaft mit dem Anbieter Headspace künftig Mitarbeitern die Inhalte der Meditations-App auf breiter Basis zugänglich zu machen. Es ist natürlich eine gute Sache, wenn durch solche Aktionen Menschen, die es wie Geschäftsreisende wahrscheinlich besonders nötig haben, auch einmal wirklich zu entspannen, auf einfache Weise mit Meditation und Achtsamkeit in Berührung kommen. In der Pressemitteilung zu dem Deal heißt es: "Die Kooperation mit Headspace ist Teil der ganzheitlichen Wellbeing-Strategie. Diese ist nach den drei Wahrzeichen 'feel', 'fuel' und 'function' ausgerichtet und soll Mitarbeitern und Gästen helfen ihr Wohlbefinden und Achtsamkeit im Berufs- und Privatleben zu stärken." Für mich hört sich das ein bisschen wie typisches Vokabular der Leistungsgesellschaft an. Mal eben todmüde ins Hotelbett fallen, noch schnell eine Meditation reinziehen und dann am nächsten Morgen wieder fit sein für den nächsten Deal. In diese Richtung geht zumindest auch das Statement von Mark Vondrasek, Chief Commercial Officer bei Hyatt: "Das Wellbeing-Konzept ist ein wichtiger Eckpfeiler für die Umsetzung unseres Unternehmenszwecks – to care for people so they can be their best." Manchmal frage ich mich, wie eine Welt aussehen könnte, in der man Achtsamkeit nicht als das nächste tolle Incentive vermarkten muss - einfach weil wir Wege gefunden haben, Ausgeglichenheit zu einem gesellschaftlichen Grundzustand werden zu lassen.
Pressemitteilung Hyatt

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Politische Situation kann depressiv machen 
Dienstag, 21. Januar 2020 - Bewusstsein, Psychologie, Studien
Welche Auswirkungen politische Umstände auf die Lebensbedingungen von Menschen und vor allem auch ihre psychische Verfassung haben, kann man in Hongkong gegenwärtig wie in einer Art Straßenlabor erleben. Eine aktuelle Studie, die auch Daten einer zehnjährigen Langzeituntersuchung heranzieht, zeigt: Seit im vergangenen Jahr die Proteste und gewaltsamen Zusammenstöße mit der Polizei begonnen haben, haben fünf Mal mehr Menschen Depressionen entwickelt als in den Vorjahren. Und die Symptome Posttraumatischer Belastungsstörungen sind in der Bevölkerung um das Sechsfache gestiegen. Schätzungsweise jeder fünfte Hongkonger dürfte damit inzwischen unter psychischen Problemen leiden. Den Wissenschaftlern zufolge entspricht dieses Bild dem, was in Gesellschaften durch bewaffnete Konflikte oder terroristische Angriffe geschieht. Sicher wäre es interessant, solche Untersuchungen auch einmal in Ländern zu machen, in denen der politische Wahnsinn noch etwas zivilisierter vonstatten geht und Demokratien gerade am Kippen sind beziehungsweise eher autokratische Regierungen das Ruder übernehmen. Auf jeden Fall wird hier deutlich, dass die eigene Psyche in gewisser Weise alles andere als rein privat ist.
Proteste belasten die Psyche, spektrum.de 10.1.20

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Kongress Meditation & Wissenschaft am 30./31.10.20 in Berlin 
Donnerstag, 16. Januar 2020 - Bewusstsein, Psychologie, Management, Veranstaltungen
Mit dem Thema "Grenzenlos denken - Vom Wissen zum Bewusstsein" geht der Kongress Meditation & Wissenschaft, der längst zu einer Institution geworden ist, am 30./31. Oktober 2020 in Berlin zum sechsten Mal an den Start. Übergreifender Anker des Programms, das die Bereiche Leadership, Medizin und kulturelle Entwicklung abdeckt, ist dieses Mal die Bewusstseinsbildung. Mit Top-Speakern wie Otto Scharmer, Hartmut Rosa und Markus Gabriel wird der Kongress beleuchten, welcher gesellschaftliche Impact mit Meditation verbunden sein kann. Business, Bildung, Bewusstsein – Achtsamkeit als humanistischer Entwicklungs- und Gestaltungsweg Bewusstseinsbildung geht uns alle an, denn viele der großen Herausforderungen, in denen wir heute stehen, fragen nach neuen Formen der Weltbeziehung und des menschlichen Miteinanders. Otto Scharmer, Begründer des Presencing Instituts, illustriert, wie sich im Business und im Bildungsbereich ein Shift von den Ego-Systemen der Gegenwart hin zu gestalterischer Offenheit und Verbundenheit vollziehen lässt, die das künftig Mögliche einladen. Der Soziologe Hartmut Rosa deutet auf die Grenzen der Vereinnahmungsstrategien des modernen Materialismus und sensibilisiert dafür, wie sich gerade in der Reibung am Unverfügbaren neue menschliche Potentiale entfalten. Und der Philosoph Markus Gabriel nimmt in den Blick, wie sich Bewusstseinsentwicklung im Spannungsfeld zwischen wachsendem Selbst-Bewusstsein und Instrumentalisierung vollzieht. Best practices aus dem Hochschulwesen und der Leadership-Entwicklung zeigen, welche Ansätze diesen humanistischen Aufbruch unterstützen können. Auch im Gesundheitswesen ist dieser Wandel bereits in vollem Gange. Der Medizinethiker Giovanni Maio, Vorreiter einer Kultur der Aufmerksamkeit in Heilberufen, wird beim Kongress das Ringen der Medizin um ihre Identität beleuchten und Wege zu einer neuen Werteorientierung aufzeigen. Stefan Schmidt betrachtet mit verschiedenen Studien die tiefergehenden Wirkpotentiale von Achtsamkeit bei Langzeitmeditierenden, ein Thema, dem sich die Forschung bisher kaum widmet und das neue Einsichten im Hinblick auf grundsätzliche menschliche Entfaltungschancen ermöglicht. Claudia Lorena Orellana Rios nimmt mit einer Studie zur Traumatherapie in den Blick, wie mitgefühlsbasierte Behandlungsansätze nicht nur Patient*innen helfen, sondern auch zur Resilienz der Therapeut*innen beitragen können. Und Klaus-Dieter Platsch, Begründer des ärztlichen Begleitstudiums „Caring and Healing“, bringt die spirituelle Entwicklung von Ärzt*innen ins Spiel. Michael von Brück, der den Kongress abschließt, formuliert die Intention des Kongresses, die existenzielle Dimension von Meditation besser zu verstehen und zu ergründen: „Meditation intensiviert die Wahrnehmung, so dass Zusammenhänge und wechselseitige Abhängigkeiten erlebbar werden, Kreativität gefördert und der Mut zur Transformation in der Lebenspraxis gestärkt wird. Gibt es eine Pädagogik solcher Lebenskunst? Kann Meditationspraxis ein Schlüssel für dieselbe sein? Wird sie Grundlagen schaffen, damit moderne Industriegesellschaften den Qualitätssprung in eine nachhaltige Lebensweise erreichen?“
Kongresswebseite

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Weniger arbeiten wäre schön 
Montag, 13. Januar 2020 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit
Wie groß unsere Sehnsüchte zu sein scheinen, die offizielle Erlaubnis zu erhalten, weniger zu arbeiten, zeigte kürzlich eine Falschmeldung, die in verschiedenen Medien und bei ihren Lesern auf enorme Resonanz stieß. Es ging darum, dass die finnische Regierung angeblich eine Vier-Tage-Woche mit Sechs-Stunden-Tagen einführen wolle. Die Zeit gibt sich in einem Kommentar zu dem Vorfall pragmatisch und listet eine ganze Reihe von Möglichkeiten auf, wie man die Arbeitszeiten wenigstens flexibler den Bedürfnissen der Arbeitnehmenden anpassen könnte. Interessanter finde ich, dass durch die Falschmeldung geradezu ein tiefes Luftholen unter gebeutelten Angestellten quer durch die Republik wahrnehmbar wurde. Denn in Kontexten, in denen sich Arbeit immer mehr verdichtet, geht es vielleicht schon lange nicht mehr darum, einfach etwas flexibler bis zur Erschöpfung zu schuften. Sondern Menschen haben wirklich zunehmend das Gefühl, zu viel, sprich zu lange im Verhältnis zu der Zeit, die ihnen für anderes bleibt, zu arbeiten. Und das deutet nicht nur auf ein Bedürfnis nach mehr Flexibilisierung - das heute durch die Hintertür oft mit unbezahlter und kaum wahrgenommener Mehrarbeit korreliert. Es geht eher darum, unsere Lebensperspektiven grundsätzlicher zu betrachten. Arbeit ist heute der Mittelpunkt unserer Leben. Aber muss das wirklich so sein? Fragen wird man ja noch dürfen ...
Es ist Zeit für radikale Flexibilität, zeit.de 9.1.20

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Einfach mal durchatmen 
Freitag, 10. Januar 2020 - Bewusstsein, Lebensart
Die individuellen Kompensationsbemühungen in einer auf Überforderung angelegten Arbeitswelt haben den Markt der Achtsamkeits-Apps in den vergangenen Jahren gehörig gepusht. Laut „The State of Mobile 2019" sind die Ausgaben der Konsumenten für Meditations- und Gesundheits-App zwischen 2016 und 2018 um das Dreifache gestiegen. Mobile Mindfulness scheint wirklich in zu sein. Ein Artikel des Redaktionsnetzwerks Deutschland gibt eine schöne Übersicht über gängige Tools und bringt auch Kommentare von Expert*innen aus Therapie und Beratung, die zwar durchaus einen Nutzen dieser Apps gegeben sehen, aber sie auch nicht als Allheilmittel verstanden wissen möchten. Am besten gefällt mir der Schluss des Artikels, der von gesundem Menschenverstand zeugt. Die Psychologin Eva Kaczor hat für Gestresste einen wunderbar einfachen Tipp parat: "Tief in den Bauch auf vier einatmen, auf vier ausatmen und dann auf vier den Atem draußen halten. Nach zwei bis drei Minuten ist man wieder bei sich, fühlt sich ruhiger und leichter." Ja, einfach mal durchatmen, hilft wirklich!
Entspannung auf Knopfdruck? Meditations-Apps sollen bei Achtsamkeit helfen, RND 31.12.19

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Achtsamkeit im Hamsterrad 
Donnerstag, 9. Januar 2020 - Bewusstsein, Management
"Eine der größten Herausforderung der Arbeitswelt der 20er wird sein, weniger stresskranke Menschen zu produzieren", propagiert die Wirtschaftswoche in einem Grundsatzartikel, in dem das Magazin nicht nur den Achtsamkeitstrend kritisch unter die Lupe nimmt, sondern versucht, eine Diskussion anzustoßen über die ganz grundsätzlichen Veränderungsnotwendigkeiten in der Arbeitswelt. Es ist ein Vorstoß, der dringend notwendig scheint, denn seit die Achtsamkeitswelle an Fahrt aufgenommen hat, versprechen Apps, kluge Tipps für Zwischendurch und Sofortmaßnahmen, dass man mit ein bisschen Feintuning dann doch irgendwie wieder alles auf die Reihe bekommen kann. "Gemeinsam ist den vielen Achtsamkeitstipps, dass sie meist logisch und verlockend klingen und dem Gehetzten Hilfe versprechen, um trotz aller Belastung und aller eindeutiger körperlich-seelischer Warnsignale irgendwie doch nicht krank zu werden. Man muss resigniert feststellen, dass das doch mehr Selbstbetrug als Selbsthilfe ist", so der Artikel. Mit Beispielen hochrangiger Führungskräfte, die von sich aus die Reißleine gezogen haben und im Job kürzer getreten sind oder ihn ganz hingeschmissen haben, versucht der Beitrag dafür zu sensibilisieren, dass unsere Arbeitswelt längst zu unmenschlich geworden ist, als dass da mit individueller Kompensation noch viel zu machen wäre. "Durch Digitalisierung verdichtete Arbeit braucht deutlich mehr Ausgleich als nur ein paar Achtsamkeitsfloskeln. Wer über Jahre hochkonzentriert komplexe und vielfältige Arbeit verrichten soll, kann dies nicht acht Stunden am Tag tun. Erste erfolgreiche Versuche mit dem Fünf-Stunden-Tag gibt es bereits. Die Ansprüche an Freizeit und Familienleben sind gestiegen. Das erfordert noch mehr flexible und familienfreundliche Arbeitszeitregelungen, in einer idealen Welt wäre das die vor Jahren schon einmal vorgeschlagene 32-Stunden-Vollzeit-Woche für Eltern", listet der Artikel einige interessante Vorstöße der jüngeren Vergangenheit auf, die vorherrschenden Probleme grundlegender anzugehen. Es wäre zu wünschen, dass noch viel öfter thematisiert wird, wie wir in den letzten Jahren geradezu eine Überforderungsgesellschaft kreiert haben. Die gute Nachricht: Was wir geschaffen haben, können wir auch wieder verändern!
Gegen den Stress der Massen braucht es mehr als Achtsamkeit, WiWo 30.12.19

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Kann die Finanzwelt achtsam werden? 
Mittwoch, 8. Januar 2020 - Bewusstsein, Management
"Mindful Finance" ist eine der neueren Blüten, die der Achtsamkeitstrend hervorgebracht hat. Friedhelm Boschert, einst in Top-Positionen im Banking tätig, ist einer der Vorreiter des neuen Trends, dem das Magazin enorm einen Beitrag widmet. Inzwischen als Berater und auch Meditationslehrer tätig, versucht Boschert mit dem von ihm gegründeten Mindful Finance Institute den Sinn für die tiefere Beziehungsebene im Finanzwesen zu stärken. Ich finde den Ansatz interessant, weil er eine Wende andeutet von individuell praktizierter Achtsamkeit (oft zur Selbstoptimierung oder als letztes Mittel, um einen Zusammenbruch zu vermeiden) hin zu den menschlichen Zusammenhängen, in denen wir alle stehen. Menschen wieder als Menschen zu sehen und nicht nur als Geschäftspartner, die es einem ermöglichen, Ziele zu erreichen, ist eines der Anliegen. Der Professor für buddhistische Ökonomie Ernest Ng sagt beispielsweise: "Das Bindeglied zwischen Mindfulness und Finanzwesen ist das Vertrauen. Vertrauen ist beispielsweise ein zentrales Element für die Beurteilung der Kreditwürdigkeit. Je langfristiger eine Geschäftsbeziehung angelegt ist, desto weniger wichtig wird in ihr der aktuelle Profit, und desto wichtiger wird das gegenseitige Vertrauen. Darauf lässt sich aufbauen." Es ist eine zarte Blüte, die hier sprießt. Ich würde mir wünschen, dass diese größeren Beziehungsdimensionen in der Achtsamkeitswelt künftig noch stärkere Resonanz finden.
Mindful Finance macht den Kapitalismus menschlicher, enorm 30.12.19

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