Arbeitskultur in der Konfusion zwischen Moderne und Tradition 
Mittwoch, 11. März 2015 - Arbeit
Wenngleich sich auch in nichtwestlichen Ländern durch die Globalisierung des kapitalistischen Prinzips die Arbeitskontexte immer weiter an die Gepflogenheiten der einstiegen Industrienationen angleichen, scheinen ursprüngliche kulturelle Muster doch sehr tief verwurzelt und wandlungsresistent. In einem Interview mit Zeit online erklärt der Japan-Experte Franz-Hermann Hirlinger, dass in Japan, obwohl dort Todesfälle aufgrund von Überarbeitung (bekannt als Karoshi) längst zur Kenntnis genommen werden, immer noch das (Selbst-)Bild der allzeitigen Verfügbarkeit im Job vorherrscht. Zwar werden immer mehr Unternehmen auch nach westlich-darwinistischer Manier geführt, doch der ursprüngliche japanische Paternalismus sei noch stark: „Durch diese Kultur der Fürsorge entsteht eine große Loyalität zum Arbeitgeber. Und die Mitarbeiter wollen immer wieder neu beweisen, dass sie zu dieser Firma gehören, indem sie viel Zeit im Unternehmen verbringen.“ Die japanische Regierung will bereits ein Gesetz einbringen, das Arbeitnehmer dazu verpflichtet, jedes Jahr fünf Pflichturlaubstage zu nehmen. Dimensionen, die für Deutsche kaum nachvollziehbar sind. Parallel zur starken Selbstverpflichtung der Arbeitnehmer sind die Japaner zugleich ein eher introvertiertes Volk, das auch kaum Zugang zur eigenen Psychodynamik zu haben scheint. „Man sucht die Fehler oft nur bei sich selbst“, so Hirlinger. Ein Einstellungswandel ist gegenwärtig vor allem bei der jungen Generation zu beobachten: „Seit etwa 15 Jahren zeichnet sich ab, dass die Jungen diese Arbeitskultur nicht mehr wollen. Sie bekommen natürlich mit, dass es diesen Stress in anderen Ländern nicht gibt und sehen das als Vorbild. Die arbeiten inzwischen lieber bei westlichen Firmen, wo die Normen lockerer sind.“ Die Jungen hierzulande indes sind schon einen Schritt weiter – dazu morgen mehr ...
"Ich habe ein Recht auf Arbeit am Wochenende", Zeit online 13.2.15

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Mythos der Dienstleistungsgesellschaft 
Dienstag, 10. März 2015 - Arbeit
Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft hat in den letzten Jahrzehnten unter anderem suggeriert, dass sich die Arbeitswelt für Viele zum Positiven gewandelt hat. Statt am Fließband zu schuften, „saubere“ Jobs mit direktem Kundenkontakt. Die Realität ist jedoch längst eine andere, wie ein Beitrag in der FAZ zeigt. Dabei geht es nicht nur darum, dass Dienstleistung häufig schlecht bezahlte Arbeit beinhaltet - sei es putzen, das Zustellen von Paketen oder Pflege -, sondern auch die Arbeitsbedingungen selbst eigentlich kaum besser sind als im Kontext der Akkordarbeit. Im Zuge von Rationalisierung und Effizienzsteigerung müssen Dienstleister häufig über die Zeit gesehen immer mehr Leistung erbringen - oder man suggeriert ihnen, sie hätten die Freiheit, selbst zu bestimmen, wo und in welchem Maß ihre Leistung gerade gefragt sei. „Ökonomischer Druck wird mit allen Mitteln nach unten umgelenkt. Das System funktioniert, weil die Arbeit vollkommen voraussetzungslos ist“, folgert die FAZ. Das hat auch Einfluss auf die Befindlichkeit: „Die Leistungsfähigkeit des Körpers ist oft das Einzige, was der Arbeitgeber von seinen Mitarbeitern abschöpfen kann. Sie ist Bedingung ihrer Arbeit und zugleich deren Grenze. Daraus entsteht eine ambivalente Dynamik. Weil die Dienstleister ihren Stolz am Ende des Arbeitstages nicht auf ein Produkt lenken können, sind nur die drückende Müdigkeit und der Schmerz in den Gelenken Beweise ihrer Selbstwirksamkeit.“
Die Leidtragenden unserer Bequemlichkeit, FAZ 12.2.15

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Arbeitskultur muss demokratischer werden 
Freitag, 6. Februar 2015 - Arbeit
In einem Interview mit der Wirtschaftswoche plädiert der Personalexperte Thomas Sattelberger für eine ausgeprägtere Beteiligungskultur in Unternehmen, da diese die Basis für eine neue Wertschöpfung bilde. Sattelberger möchte, dass aus Mitarbeitern "souveräne Unternehmensbürger" werden. Durch die Digitalisierung sei die Zeit des Herrschaftswissens endgültig vorbei und gleichzeitig seien die Freiheitsräume des Einzelnen durch sie erheblich gewachsen. Dem gelte es Rechnung zu tragen. Sattelberger versteht seinen Vorstoß auch als Überwindung der ewig währenden Work-Life-Balance-Diskussion: "Die Suche nach dem Heil im Privatleben folgt einer falschen Motivation. Es ist nicht die Entscheidung für mehr Privatleben. Sondern eine Entscheidung gegen die vorherrschende Art, zu arbeiten. Ein Kompensat für das Verschwinden des Sinns ihrer Arbeit und damit Ausdruck tiefster Frustration über fehlende Entfaltungsmöglichkeiten im Unternehmen." Ein Weg zu besseren Rahmenbedingungen könne die Schaffung "kreativer Ökologien" in Unternehmen sein, die Mitarbeiter an Entscheidungs- und Führungsprozessen stärker beteiligen.
"Teilhaben ist die neue Wertschöpfung", WiWo 20.1.15


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Gute Arbeit braucht Solidarität 
Mittwoch, 28. Januar 2015 - Arbeit
In einem Interview mit Zeit online plädiert Günter Wallraff, der in jüngster Zeit wieder verschiedene praktische Untersuchungen zu prekären Arbeitsbedingungen durchgeführt hat, für mehr Mut zu Visionen, um ein angemessenes Leben und Arbeiten für alle möglich werden zu lassen: "Ich glaube, man muss wieder Utopien zulassen, man muss auch ins Unreine denken dürfen, wir brauchen Visionen. Denn das sollten wir nicht vergessen: Die positiven Realitäten von heute, wie beispielsweise die Gleichstellung der Frau, Kinder- und Minderheitenrechte, Arbeitsschutzgesetze und Umweltschutzbestimmungen, waren die häufig verspotteten Visionen und Utopien von einst. Es ist nichts anderes, wenn wir heute die Bewahrung der Natur, Entschleunigung oder eben menschengerechte Arbeitsbedingungen und Arbeitszeitverkürzung fordern. Wir brauchen auch Spinner und Utopisten, wenn wir an der Realität von morgen bauen wollen." Wallraff setzt sich für eine Aufwertung sozialer und pflegerischer Berufe ein, fordert ein Höchsteinkommen und mahnt, dass wir alle unsere Verantwortlichkeiten im System Wirtschaft stärker zur Kenntnis nehmen sollten. "In den Schulen müsste bereits Verbraucherverantwortung gelehrt werden. Das fängt mit dem Umwelt- und Tierschutz an und geht über die Auswirkungen des Online-Handels auf die Arbeitsbedingungen in diesen Branchen bis hin zum persönlichen Umgang mit Smartphones und dem Internet. ... Wir als Verbraucher sind hier gefordert und haben sogar die Hauptverantwortung. Es ist momentan der Trend, sich möglichst schnell das billigste Produkt liefern zu lassen. Konsumsucht und sofortige Bedürfnisbefriedigung. Egal auf wessen Kosten. Es zahlen aber immer welche drauf, wenn dann Produkte auch noch kostenlos zurückgeschickt werden können", so Wallraff.
"Es wird Zeit für einen Höchstlohn", Zeit online 21.1.15

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Gelassenheit braucht Selbsterkenntnis 
Donnerstag, 15. Januar 2015 - Arbeit
In den Augen der Biologin Carola Kleinschmidt tragen viele Chefs durch unbedachte Führung dazu bei, ihre Mitarbeiter in eine Stressspirale zu treiben. Wenn Vorgesetzte ihre Untergebenen dazu auffordern, Gas zu geben, oder davor warnen, dass Abteilungen geschlossen werden müssen, wenn Umsatzziele nicht erreicht werden, erzeugen Druck, der weit über das angesprochene Thema hinausreicht. "Das heißt ja übersetzt: Ihr verliert möglicherweise eure Arbeitsplätze. Damit produzieren Unternehmen schlechte Gefühle. ... Man möchte, dass die Leute ihre Aufgaben gut erledigen und hält es für ein bewährtes Erfahrungswissen, Druck zu erzeugen. Das ist ein Führungsfehler. Was Chefs nicht klar ist, dass Menschen dadurch in die Stressspirale rutschen.Wer solchen Druck erzeugt, der kann von seinen Mitarbeitern nicht erwarten, dass sie konzentriert ein neues Computerprogramm erlernen oder kreative Ideen entwickeln. Denn diese Fähigkeiten hat man nur in positiver Stimmung, wie die neueste Emotionsforschung zeigt. Die Sorge um den Arbeitsplatz ist außerdem allgegenwärtig. Denn unser Gefühlshaushalt funktioniert nicht punktuell. Die Angst, dass die Abteilung geschlossen werden könnte, bleibt nach Feierabend", erklärt Kleinschmidt. Mit Achtsamkeitstrainings oder ähnlichen Maßnahmen lasse sich im Nachhinein kaum gegensteuern, denn: "Das neue Modewort Gelassenheit sollte man kritisch betrachten. Wer besser mit Stress umgehen möchte, braucht vor allem Selbsterkenntnis und Selbstbewusstsein. Daraus kann echte Gelassenheit entstehen. Aber das bedeutet meist eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst. Es ist nicht so einfach, die Angst, dass man nicht genug leistet, abzustreifen", so Kleinschmidt.
Die German Angst schlägt wieder zu, FAZ 5.1.15

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Wenn das Leben mehr will als Arbeit 
Donnerstag, 18. Dezember 2014 - Arbeit
Die Süddeutsche Zeitung beleuchtet in einem Beitrag wieder einmal das Thema Downshifting und zeigt dabei, wie sich unser Verhältnis zur Arbeit immer mehr zu verschieben scheint. War über die Jahrhunderte das, was wir heute unter Vollerwerbstätigkeit verstehen, zunächst eine Notwendigkeit der Subsistenzwirtschaft - die bäuerliche Selbstversorgung kannte schlicht so gut wie keine Pausen, haben wir seit der industriellen Revolution dieses Paradigma schlicht nie hinterfragt. Die Differenzierung unserer Lebensverhältnisse hat letztlich unser Menschsein an sich über die Zeit immer reicher werden lassen, und in Anbetracht der realen Vielfalt von Lebensmöglichkeiten erscheint es immer mehr Menschen beinahe schon als wider ihre Natur, den größten Teil ihrer Lebenszeit allein auf "arbeitende" Tätigkeiten zu beschränken. In Großbritannien sind bereits 57 Prozent der Bevölkerung von der Idee einer Vier-Tage-Woche angetan, und sogar 71 Prozent glauben, dass weniger zu arbeiten die Menschen glücklicher machen würde. In Deutschland würden einer Studie des Familienministeriums zufolge gerne drei Viertel der Männer und die Hälfte der Frauen ihre Arbeitszeit reduzieren. Die finanziellen Einbußen, die mit einer geringeren Arbeitszeit verbunden sind, dürften dabei nur einer der Gründe sein, warum dieser Trend bisher eher in den Köpfen denn in der Welt selbst zuhause ist. Denn gerade in Deutschland ist die Teilzeitkultur immer noch vor allem weiblich. In den letzten 20 Jahren sank die Wochenarbeitszeit von Frauen von 34 auf 30,5 Stunden, die der Männer von 41,8 auf 39,8 Stunden. Der britische Ökonom John Maynard Keynes prognostizierte 1930, dass wir in 100 Jahren (wir hätten also noch gut 15 Jahre Zeit) nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten müssen. Gemessen an der wirtschaftlichen Produktivität könnten wir diesem Ideal schon heute recht nahe kommen - wenn der volkswirtschaftliche Wohlstand gleicher verteilt wäre. Denn noch sind es hauptsächlich die Gutverdiener, die sich leisten können, weniger zu arbeiten - dies allerdings nur in seltenen Fällen auch tun, weil wir weiterhin daran festhalten, Jobs allein als Vollzeitmodell zu denken. doch der kulturelle Wandel in den Köpfen wird sich nicht aufhalten lassen. Die viel beobachtete Generation Y lebt in ihren Haltungen bereits in einen Wandel hinein, der auch die typischen Vollerwerbsmodelle in Frage stellt. Und je mutiger wir sind, es nicht bei unserer Einstellung zu belassen, sondern ihr auch konkreten Ausdruck zu verleihen, umso leichter dürften sich auch die äußeren Voraussetzungen der Arbeitswelt verändern lassen.
Wenn doch bloß drei Tage Wochenende wäre, SZ 7.12.14

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Mentaler Kontrast erleichtert es, Träume zu erfüllen 
Montag, 15. Dezember 2014 - Arbeit
Positives Denken kann in eine Sackgasse führen, findet die Professorin für Pädagogische Psychologie und Motivation an der Universität Hamburg Gabriele Oettingen. Sich die Erfüllung von Wünschen im Geiste auszumalen, könne zwar positive Gefühle hervorrufen, aber führe nicht zwangsläufig zu ihrer Erfüllung. Im Gegenteil: Das virtuelle Wohlgefühl könne einem sogar die Energie rauben, Pläne in die Tat umzusetzen. "Mentales Kontrastieren ist eine mentale Strategie, die auf Zukunftsträumen basiert, aber hier nicht stehen bleibt, sondern die positiven Zukunftsphantasien mit einem klaren Bewusstsein für die widerständige Realität anreichert. Die Lösung ist nicht, auf Träume und positives Denken zu verzichten. Es geht vielmehr darum, unsere Fantasien motivational zu nutzen - dadurch, dass wir sie dem gegenüberstellen, was uns oft zu ignorieren geraten wird: nämlich die Hindernisse in uns, die Sperren, die uns vom Handeln abhalten, die uns im Wege stehen. Mentales Kontrastieren, so zeigt eine Vielzahl von Studien, führt dazu, dass wir Pläne machen und Kraft gewinnen zur Umsetzung unserer Wünsche, wenn diese wichtig und auch erreichbar sind; mentales Kontrastieren führt aber auch dazu, dass wir unsere Energie in andere vielversprechendere Projekte investieren können, wenn die Wünsche nicht erreichbar oder am Ende doch nicht so wichtig sind", so Oettingen. Sie rät dazu, sich aktiv mit möglichen Hindernissen auseinanderzusetzen und konkrete Strategien zu entwickeln, wie sich diese überwinden lassen. Bei Gedankenspielen wie diesen zeige sich schnell, ob sich Wünsche wirklich umsetzen lassen. Auch die Erkenntnis, dass etwas unmöglich ist, sei dabei nicht negativ - denn sie erleichtere es, sich von Träumen, die immer Träume bleiben werden, zu verabschieden und die eigene Energie auf Dinge zu richten, die sich verwirklichen lassen.
Hört endlich auf zu Träumen! WiWo 3.12.14

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Deformierender Konformitätsdruck 
Mittwoch, 10. Dezember 2014 - Arbeit
Die FAZ geht in einem Beitrag der Frage nach, wie sehr der wachsende Konformitätsdruck im Arbeitsleben den Beschäftigten zusetzen kann. In der Organisationsforschung werde üblicherweise zwischen Einstellungs- und Anpassungskonformität unterschieden. Diejenigen, die Meinungen oder Normen, die im Arbeitskontext gelten, einfach verinnerlichen, scheinen es noch am leichtesten zu haben, da sie erfahrungsgemäß im Job wunderbar zurecht kommen und sich kaum an den äußeren Gegebenheiten reiben. Diejenigen hingegen, die sich zwar äußerlich anpassen, aber bei ihrer abweichenden inneren Haltung bleiben, laufen Gefahr, sich in eine Auszehrung zu treiben. Die zunehmende Arbeit in Teams und flache Hierarchien führten dazu, dass sich der Druck zur Leistungskonformität stetig erhöhe. Aufgaben abzulehnen, weil man ohnehin schon überlastet ist, erscheine in vielen Arbeitsumgebungen nicht opportun - "wer weniger leistet, fliegt raus" sei oft das unausgesprochene Motto, das durch offensive Geringschätzung, subtile Ausgrenzung oder Mobbing etabliert werde. Für Einstellungskonforme dürfte dies kein Problem sein - sie leisten munter und finden es vielleicht sogar gut, ihre eigenen Grenzen aus den Augen zu verlieren. Doch die Anpassungskonformen hängen nicht nur in der Leistungsspirale, sondern tun dies sehenden Auges und in innerem Widerstand. Da ist doppelte Auszehrung vorprogrammiert.
Was die Arbeit mit mir macht, FAZ 26.11.14

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