Werden wir zur depressiven Gesellschaft? 
Mittwoch, 29. August 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Der Gesundheitsreport 2018 der Techniker Krankenkassen lässt aufmerken. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Verschreibungen von Antidepressiva verdoppelt. Seit 2007 erhöhte sich die Zahl der verschriebenenTagesdosen an Medikamenten gegen Depressionen von 6,8 auf 13,5. Frauen sind dabei deutlich stärker betroffen als Männer. Ihnen wurden 16,9 Tagesdosen verschrieben, Männern lediglich 10,6. Die Fehlzeiten weisen in die gleiche Richtung. Heruntergerechnet auf Durchschnittswerte fehlten Frauen im vergangenen Jahr 3,42 Tage aufgrund psychischer Beschwerden, Männer 2,11 Tage. In der Fachwelt wird viel darüber diskutiert, dass Anstiege wie dieser auch damit zu tun haben, dass heute mehr Menschen aufgrund psychischer Probleme zum Arzt gehen und dann natürlich auch entsprechend behandelt werden. Das wirft vielleicht auch die Frage auf, wie wir kulturell mehr Erfahrungsräume schaffen können, in denen wir konstruktiv mit seelischen Überforderungen umgehen können. Die medizinische Seite des Phänomens jedenfalls deutet darauf, dass sich hier etwas in unserem Menschsein zu verschieben scheint. Sind wir nicht mehr robust genug für die Anforderungen, die wir uns auferlegen? Oder sollten wir einfach mehr darüber nachdenken, wie wir das Leben so gestalten können, dass es unser Menschsein nicht bedrängt sondern fördert? Was sich hier zeigt, ist mehr als ein medizinisches Problem. Es ist eine große gesellschaftliche Frage, die sich hier auftut.
Antidepressiva auf dem Vormarsch, Ärzteblatt 26.7.18

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Helfen Rituale bei der Verhaltensänderung? 
Donnerstag, 23. August 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Studien
Es klingt bizarr, stimmt aber: Wer sein Essen, bevor er es zu sich nimmt, klein schneidet, symmetrisch auf dem Teller anordnet und anschließend dreimal mit Messer und Gabel auf die Speisen klopft, nimmt anschließend weniger Kalorien zu sich als jemand, der sich einfach nur vornimmt, achtsam zu essen. Was klingt wie ein magisches Experiment, war Teil einer Studie von Wissenschaftlern der Shanghai University of Finance and Economics, die die Wirkung von Ritualen auf Verhaltensänderungen untersuchten. Das schräge Beispiel legt nahe, dass selbst solche eher sinnfreien rituellen Vorgehensweisen etwas im menschlichen Bewusstsein zu verändern scheinen. Untersucht wurde allerdings nicht, ob es bestimmte Formen von Ritualen gibt, die effektiver sind als andere. Mir kommt bei dieser Untersuchung in den Sinn, dass Rituale, selbst wenn sie so absurd sein mögen wie in diesem Beispiel, schlicht übliche und damit unbewusste Routinen durchbrechen. So öffnet sich womöglich ein Achtsamkeitsfenster, in dem es leichter wird, neue Verhaltensweisen zu erproben.
Rituale stärken die Selbstkontrolle, spektrum.de 18.7.18

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Tiefere Beziehung zur Arbeit entscheidet über Stress 
Freitag, 27. Juli 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Studien, Arbeit, Management
In Anbetracht einer Flut von Stress-Studien und zunehmender psychischer Erkrankungen stellen immer mehr Experten die Frage, ob es nicht besser wäre, Arbeitszeiten zu verkürzen. Andere Studien weisen indes darauf hin, dass es oft gar nicht die Menge der Arbeitsstunden ist, die Angestellte in die Knie zwingt, sondern die tiefere Beziehung, die sie zu ihrer Arbeit haben. Eine kanadisch-amerikanische Studie, die die Befindlichkeit von mehr als 700 Arbeitenden untersuchte, beispielsweise kommt zu dem Schluss, dass es jenen im Job am Schlechtesten geht, die ihn eigentlich gar nicht mögen. Betrachtet wurden für die Studie gesundheitliche Faktoren, die geleistete Arbeitszeit sowie die innere Beziehung, die Menschen zu dem, was sie tun, haben. Wer sich gefühlsmäßig im Job nicht wohl fühlt, profitiert demnach auch nicht davon, wenn er seine Arbeitszeit reduziert. Umgekehrt stemmen jene, die das, was sie machen, lieben, auch ein hohes Arbeitspensum ohne psychische oder körperliche Einbußen.
Stress ist Ansichtssache, WiWo 11.7.18

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Mitgefühl und Güte nähren die Seele 
Mittwoch, 25. Juli 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Studien
Der gegenwärtige Achtsamkeits-Trend betrachtet heute vor allem Methoden wie Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) und Meditationsformen, die in Stille und Loslassen führen. Auf dem Radar der Wissenschaft erscheinen hingegen zunehmend auch Formen aus buddhistischen Kontexten, die mit Mitgefühl und Güte arbeiten. Eine neue Übersichtsarbeit der Universität Witten-Herdecke unterstreicht nun den therapeutischen Nutzen dieser Methoden. Es zeige sich, dass diese Meditationsformen beispielsweise in der Therapie mit schweren Erkrankungen wie Depression oder Borderline vielversprechend erscheinen. Ich finde das neue Interesse an diesen Meditationsformen, die ihre Beziehung zu großen spirituellen Traditionen nicht hintenanstellen, bemerkenswert, denn sie bringen eine tiefere Dimension des Menschseins ins Spiel, die vor allem bei eher pragmatischen und nutzenorientierten Angeboten bisweilen zu kurz kommt. Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie sich Unternehmen verändern könnten, wenn Mitarbeiter und Chefs nicht nur gemeinsam das Loslassen üben, sondern Mitgefühl und Güte praktizieren ... ;-)
Güte- und Mitgefühls-Meditationen können auch gegen ernste psychische Erkrankungen helfen, Pressemitteilung 12.7.18

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Die Pflicht kommt vor den Träumen - und wir bereuen es später 
Dienstag, 24. Juli 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, ist ein geflügeltes Wort. Und wenn es um unsere Träume geht, ticken wir ähnlich. Eine Studie zeigt: Im Nachhinein bereuen wir es oft mehr, unsere tiefsten Wünsche nicht erfüllt zu haben. Doch die Schamgefühle, die in uns aufsteigen, wenn wir unsere Pflichten verletzen, lassen uns uns eher auf das, was von uns erwartet wird, fokussieren. Das liegt laut der Studie daran, dass Scham sehr schnell und stark wirkt. Um diesem Gefühl auszuweichen, tun wir dann, was wir sollen. Unsere Träume zu vernachlässigen, ist indes eine eher persönliche Angelegenheit. Der Schmerz über Verpasstes stellt sich meist erst über längere Zeiträume ein. Und selbst, wenn er sehr stark ist - in unserem Handeln geht dennoch die Pflicht meist weiter vor. Es ist interessant, so vor Augen geführt zu bekommen, wie unsere Psyche im Abgleich mit gesellschaftlichen Konventionen tickt. Doch auch Automatismen wie diesen können wir bewusstes Handeln entgegensetzen. In der hier beschriebenen Konstellation hat das allerdings einen Preis, denn wenn wir unsere Träume so ernst nehmen wie das, was andere von uns erwarten, sind wir vielleicht nicht immer "Everybody's Darling" ...
Pflichten erfüllt, Träume vernachlässigt, Psychologie heute 11.7.18

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Gespräche machen glücklich 
Freitag, 20. Juli 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Arbeit
Wer regelmäßig die Möglichkeit hat, während des Tages mit anderen Menschen zu sprechen, ist glücklicher als wenn er eher nur für sich ist. Das zeigt eine neue amerikanische Studie, bei der rund 500 Probanden ihre Tagesabläufe protokollierten und dabei festhielten, wie oft sie welche Art von Gesprächen führten. Frühere Studien mit kleineren Teilnehmerzahlen legten nahe, dass Smalltalk zum Beispiel auf die Stimmung schlägt. In dieser Studie erwiesen sich die kurzen, belanglosen verbalen Interaktionen eher als neutral. In der neuen Studie zeigten sich lediglich die Probanden unzufrieden, die über den Tag hinweg keinerlei Gesprächsmöglichkeiten hatten. Das sollten Unternehmen vielleicht auch beim Thema Großraumbüro noch einmal überdenken.
Was uns glücklicher macht, spektrum.de 5.7.18

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Selbstmitgefühl setzt Kräfte frei 
Mittwoch, 18. Juli 2018 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Arbeit
Die moderne Leistungskultur ist sehr individualistisch. Doch nicht jede Form des Selbstbezugs ist auch hilfreich. Wer eher narzisstisch hauptsächlich auf sich selbst schaut und nach dem eigenen Erfolg schielt, bringt sich womöglich in eine Haltung der inneren Isolation. Die Psychologie kennt jedoch noch andere Formen der Selbstzuwendung, die wesentlich dienlicher sind. Eine davon ist Selbstmitgefühl. Es ist eine Form der Selbstakzeptanz, die Fehler nicht nur als eigene Schwäche sieht, sondern als Teil der menschlichen Natur erkennt. Diese Weitung des eigenen Horizonts scheint uns auf subtile Weise mit dem größeren Raum des Lebens zu verbinden - und damit auch ungeahnte Ressourcen freizusetzen. Eine Studie zeigt etwa, dass Menschen in schwierigen Situationen - hier ein herausfordernder Test - sogar mehr Engagement und Motivation entwickeln, wenn sie zu Selbstmitgefühl fähig sind.
Warum man sich selbst mit Mitgefühl begegnen darf, spektrum.de 6.7.18

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Kann Achtsamkeit zur Falle werden? 
Freitag, 13. Juli 2018 - Bewusstsein, Psychologie, Wissenschaft
Der Mindfulness-Trend führt immer mehr dazu, dass Meditation und Achtsamkeit auch als Selbstoptimierungs-Techniken angewendet werden. In einem Interview für eine Beilage von evolve - Magazin für Bewusstsein und Kultur zum Kongress Meditation & Wissenschaft 2018 kritisiert der bekannte Fernsehmoderator Gert Scobel die vereinfachenden Betrachtungsweisen im Umgang mit Meditation. "Achtsamkeit alleine macht noch keine guten Menschen. Selbst Erwachen oder Erleuchtung – wie auch immer man es nennen will – als vertiefte Praxis der Meditation macht noch keine guten Menschen", sagt er. Ein wunder Punkt in unserer Wahrnehmung der Möglichkeiten von Meditation: "Wir erkennen die Fiktionalität unserer Erwartungen nicht." Scobel versucht dafür zu sensibilisieren, dass die Wissenschaft im Hinblick darauf, was Achtsamkeit für unser gefühltes Menschsein und unsere Handlungsmöglichkeiten bedeutet, erst ganz am Anfang stehe. "Alle wissenschaftlichen Untersuchungen kommen aus der Dritte-Person-Perspektive: jemand untersucht jemand anderen, der irgendetwas mit seinem Bewusstsein macht. Man kann analysieren, was in dieser Zeit, in der sich das Bewusstsein oder das Verhalten verändert, im Gehirn geschieht. Aber das ist etwas völlig anderes als die Erste-Person-Perspektive: wie fühlt es sich an, wenn ich diesen veränderten Bewusstseinszustand erfahre und beispielsweise dualistische Unterscheidungen fallen lasse und eine Einheit mit der Welt nicht nur denke, sondern erfahre und erlebe. Das sind zwei völlig unterschiedliche Welten", sagt er. Bei Kongress Meditation & Wissenschaft 2018, der am 30. November / 1. Dezember 2018 in Berlin stattfinden wird, hat Scobel vor, dieses Dilemma in seinem Festvortrag zum Thema "Paradoxien der Meditation - Über Weisheit und Wissenschaft, säkulare Ethik und Fiktion" näher zu beleuchten.
Drahtseilakt Selbstoptimierung, Kongress Meditation & Wissenschaft

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