Die produktive Demotivation der Achtsamkeit 
Dienstag, 23. Juli 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Achtsamkeit kann demotivieren, denn in der Entspannung fallen so manche Pflichtreflexe von den Übenden ab. Der Organisationsforscher Andrew C. Hafenbrack hat an der Católica Lisbon School of Business and Economics in Portugal untersucht, wie Achtsamkeitsübungen sich auf Motivation und das Erfüllen von Aufgaben auswirken. In verschiedenen Testszenarien, denen jeweils 15 Minuten der Achtsamkeitsübung vorausgingen, stellte er fest, dass die Gruppen der Meditierenden jeweils 10 Prozent weniger Motivation an den Tag legten, die ihnen anschließend vorgelegten Arbeitsaufgaben zu erfüllen. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, dass sie die Tätigkeiten trotz dieses Widerwillens genau so gut ausführten wie die Teilnehmenden der Kontrollgruppe, die sich vor den Tests einfach so die Zeit vertrieben hatten. "Wenn Sie sich die Fachliteratur über Zielorientierung ansehen, werden Sie wahrscheinlich 500 Studien finden, die eine Korrelation zwischen Motivation und Leistung belegen. Motiviertere Menschen zeigen bessere Leistungen und umgekehrt. Es ist sehr ungewöhnlich, dass Motivation und Leistung nicht in die gleiche Richtung gehen. Das ist einfach seltsam", formuliert Hafenbrack die Verblüffung über seine Ergebnisse. Seine Interpretation der Ergebnisse: "Vor allem die Tatsache, dass Meditieren sie für eine Weile Stress, Verpflichtungen und Sorgen vergessen ließ, half ihnen, sich besser auf die nächste Aufgabe zu konzentrieren. Bezüglich der Leistung schien es so, als glichen sich der negative Effekt einer geringeren Motivation und der positive Effekt einer stärkeren Fokussierung auf die Aufgabe aus."
Achtsam, aber lustlos, HBM 7/2019

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Was das Geld mit uns macht 
Montag, 22. Juli 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Medien
Geld durchzieht, mal mehr, mal weniger sichtbar, nahezu all unsere Lebensäußerungen. Schlafen? Essen? Ein Dach über dem Kopf? Zwischen uns und all dem, was wir zum Leben brauchen, steht immer in irgendeiner Weise Geld. Das haben wir zum Anlass genommen, die neue Ausgabe von "evolve - Magazin für Bewusstsein und Kultur" der Frage zu widmen, "Was das Geld mit uns macht". Da wir keine ökonomische Fachzeitschrift sind, haben wir dabei sehr gezielt den Blick auf Bewusstseins- und Beziehungsphänomene gerichtet, die in konventionellen wirtschaftlichen und geldtheoretischen Diskursen kaum oder gar nicht zur Sprache kommen. Christian Felber beispielsweise, der die Idee der Gemeinwohlökonomie salonfähig gemacht hat, spricht im Interview auch darüber, wie wir wieder lernen sollten und können, zivilgesellschaftliche Entscheidungsprozesse zu etablieren, die auf den Umgang mit öffentlichen Geldern einwirken. Charles Eisenstein deutet darauf, wie sehr finanzieller Reichtum oder der Wunsch danach überdeckt, was wir wirklich wollen. Und wie wir in durch Geld konditionierten Vorstellungswelten versuchen, die Geldlogik zu durchbrechen. Der Wirtschaftsethiker Karl-Heinz Brodbeck beschreibt, wie diese Geldlogik sich über Jahrtausende in unser Bewusstsein eingegraben hat, so dass heute viele unserer Lebensäußerungen sich aus einem berechnende Bewusstsein ergeben - und wie sich durch Achtsamkeit gegenüber diesen Bewusstseinsprozessen manche dieser Unbewusstheiten wieder wahrnehmbar machen lassen. In meinem eigenen Artikel habe ich betrachtet, welche neuen Lebensstile erwachsen aus dem Bemühen, das eigene Leben weniger mit Geld zu verbinden und davon abhängig zu sein - eine Gratwanderung, die sich immer wieder an der Logik des Geldes reibt. Wir müssen mehr über Geld nachdenken, aber aus einer Haltung, die sich all der Spuren, die Geld in uns hinterlassen hat, immer bewusster wird. Die neue Ausgabe von evolve bietet für diese Rekalibrierung der Wahrnehmungsorgane viel spannenden Lesestoff!

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Wenn die Letzten die Ersten sind 
Freitag, 19. Juli 2019 - Bewusstsein, Psychologie, Studien
Wenn die Sache zu kompliziert wird, wählt unser Gehirn den möglichst einfachen Weg. Das zeigen beispielsweise Studien zum so genannten Rezenzeffekt. Der Begriff umschreibt, dass wir, wenn uns viele Informationen in Folge dargeboten werden, die zuletzt genannten meist die stärkste Wirkung auf uns haben. Bei Kindern, deren Arbeitsgedächtnis noch nicht so ausgeprägt ist, wird dies besonders deutlich. In Studien, in denen eineinhalb bis zwei Jahre alte Kinder aus zwei Optionen auswählen sollen, entscheiden sich 85 Prozent für die letztgenannte. Aber auch bei Erwachsenen läuft das ähnlich. Wenn wir uns erinnern, ob uns eine Mahlzeit geschmeckt hat, sind vor allem unsere Eindrücke rund um den letzten Bissen entscheidend. Nicht umsonst spielen Bands bei Konzerten gerne ihre größten Kracher erst bei der Zugabe. Dass unser Gehirn so funktioniert, lässt sich eben taktisch nutzen. Auch von uns selbst. Wer das, was er möchte, an den Anfang längerer Erklärungen stellt, sollte sich also nicht wundern, wenn er damit nicht durchkommt.
Der letzte Eindruck zählt, SZ 7.7.19

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Wenn Meditation zu Angst und Selbstbezüglichkeit führt 
Donnerstag, 18. Juli 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
Mögliche Nebenwirkungen von Meditation werden in letzter Zeit in den Medien immer mehr zum Thema. Das Magazin fit for fun etwa schreibt: "Beim Meditieren kommt man auch anderen Dingen auf die Spur, wie zum Beispiel verdrängter Trauer oder Wut, den eigenen Ängsten und unerfüllten Wünschen." Basierend auf den Forschungen der Psychologin Willoughby B. Britton weist der Beitrag darauf hin, dass zu viel Achtsamkeit auch zu einem starken Selbstbezug führen könne. Und das kann ungeahnte Nebenwirkungen haben. "Wer sich zu sehr mit sich selbst und seinen Befindlichkeiten beschäftigt, habe hinterher womöglich mehr Ängste und Depressionen als zuvor. Auch die vielgepriesenen Aspekte wie ein Mehr an Empathie und Dankbarkeit könne ein Maß erreichen, das kaum noch zu ertragen sei. Die Folge könnten sowohl unangemessene Reaktionen und Überempfindsamkeit sein, sowie ein kompletter Verlust der Gefühle. Das Ziel, besser mit den eigenen Gefühlen umzugehen, sei nicht für jeden erreichbar", so das Magazin. fit for fun rät Übenden dazu, die für sich richtige Dosis zu finden. Vielleicht hilft es aber auch einfach zu sehen, dass es keine Wundermittel gibt, die unsere menschlichen Befindlichkeiten einfach glatt bügeln.
Negative Nebenwirkungen: Zu viel Achtsamkeit kann schaden, fit for fun 13.5.19

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Nie mehr arbeiten? 
Mittwoch, 17. Juli 2019 - Lebensart, Studien, Arbeit
Wer wünscht es sich nicht - genügend Geld auf dem Konto, um nicht mehr für den Lebensunterhalt arbeiten zu müssen. Für knapp jede*n hundertsten Deutsche*n ist das Realität, so eine Datenanalyse des Statistischen Bundesamts, denn diese Minderheit lebt von Kapitalerträgen oder Einnahmen aus Vermietungen. Zu glauben, dass die Mehrheit aller Deutschen arbeiten muss, um zu leben, läuft allerdings an der Realität vorbei. Den Zahlen zufolge leben nämlich gerade einmal 47 Prozent der Bevölkerung "von ihrer Hände Arbeit", wie man so schön sagt. Der Rest kann noch nicht arbeiten (Kinder) oder hat bereits genug gearbeitet (Rentner*innen). Öffentliche Sozialleistungen ermöglichen es sieben Prozent, über die Runden zu kommen.
Weniger als die Hälfte lebt in erster Linie von eigener Erwerbstätigkeit, FAZ 11.7.19

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Wenn jeder feiert, wann er will 
Dienstag, 16. Juli 2019 - Lebensart, Arbeit, Management
Die niederländische Mietplattform HousingAnywhere macht einen ungewöhnlichen Vorstoß. Statt an gesetzlichen Feiertagen alle Mitarbeiter nach Hause zu schicken, hat die Firma die Feiertage nach Kalender abgeschafft und jedem Mitarbeiter künftig eine entsprechende Zahl von Urlaubstagen, die nach freier Wahl genommen werden können, gegeben. "Wir haben festgestellt, dass manche Feiertage für unsere Mitarbeiter gar keine Bedeutung haben. Der Pfingstmontag zum Beispiel, kaum einer hat dazu eine emotionale Beziehung. Wir haben 90 Mitarbeiter aus 28 Nationen, im Schnitt 29 Jahre alt. Was die Konfession angeht, haben wir natürlich keine offiziellen Daten. Ich weiß aber, dass es Anhänger mehrerer christlicher Kirchen gibt, einige Mitarbeiter sind Muslime, andere haben einen buddhistischen Hintergrund, wieder andere sind gar nicht religiös. Es ist also ziemlich divers hier", erklärt Geschäftsführer Djordy Seelmann die Hintergründe der Entscheidung, die von den Mitarbeitern einstimmig gefällt wurde. Es hört sich natürlich gut an, so mehr Flexibilität bei der eigenen Lebensgestaltung zu haben. Aber was bedeutet das längerfristig für unsere Kultur und ihren Zusammenhalt? Feiertage schaffen in einer Zeit, in der alle rund um die Uhr beschäftigt und/oder online sind, zumindest ansatzweise Phasen einer quasi-kollektiven Ruhe, manchmal sogar Stille. Man könnte auch sagen: An solchen Tagen atmet nicht nur das Individuum durch, sondern eine Gesellschaft als Ganzes (wenn man mal davon absieht, dass jede Menge Berufsgruppen ohnehin schon von diesen Zyklen entkoppelt sind). Ich frage mich, ob wir alles individualisieren sollten, was sich individualisieren lässt. Denn unterschwellig bringen solche Veränderungen nicht nur ein bisschen mehr persönliche Freiheit, sie nehmen uns auch Zusammenhalt.
Warum eine niederländische Firma die Feiertage abschafft, SZ 4.7.19

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Anstrengung ist nicht alles 
Montag, 15. Juli 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Arbeit, Management
Der Begriff Burnout hat in den letzten Jahren eine sagenhafte Karriere hingelegt. Und damit in gewisser Weise eine erschreckende Normalität für Erschöpfungszustände geschaffen. Dabei gerät aus dem Blick, dass wir hier längst mitten in einem kulturellen Problem sitzen, das sich nicht einfach individuell wegbehandeln lässt. In einem Interview mit der Wirtschaftswoche warnt der Psychiater Andreas Wahl-Kordon davor, wie schmal der Grat ist, wenn man versucht, dem Stress etwas entgegenzusetzen. Meditation oder ein besseres Zeitmanagement werden gerne empfohlen, um den äußeren Druck in den Griff zu bekommen. Aber: "Das hat auch immer einen Aspekt von Selbstoptimierung, den ich sehr kritisch sehe. Das Optimieren des eigenen Zeitmanagements wird in seiner Wirksamkeit sehr überschätzt. Es sollte nicht darum gehen, mehr zu leisten oder mehr Druck auszuhalten. Es geht darum, in der Lage zu sein, zu hinterfragen, ob ich mich selbst gerade ausbeute oder in Gefahr bringe. Viele Menschen glauben, sie können alles erreichen, wenn sie sich nur genug anstrengen. Das mündet in einer permanenten Selbstausbeutung. Wer schon überlastet ist, und glaubt, mehr leisten zu können, indem er seinen Tag effizienter einteilt, fährt vor die Wand." Wahl-Kordon spricht das kulturelle und gesellschaftliche Umfeld, das neben den Belastungen bei der Arbeit viele Unsicherheiten erzeugt, sehr deutlich an: "Mehr und mehr Menschen bis weit in die Mittelschicht hinein erleben zunehmende Unsicherheit. Der Druck ist heute weitaus höher als noch vor 30 Jahren. Viele gut ausgebildete Menschen können sich heute noch so sehr anstrengen, sie werden kein Geld für ein Eigenheim haben und leben in der ständigen Angst, ihren Job zu verlieren. Diese Verunsicherung führt zu Dauerstress, der sich physiologisch und psychologisch auswirkt – und auch die Resilienz am Arbeitsplatz unterminiert." Einen Fachbegriff für das individuelle Zusammenklappen unter diesen Vorzeichen zu haben, ist eine Sache. Therapie eine andere. Doch beides sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir die Lebensbedingungen insgesamt, die wir durch unser Verhalten schaffen, stärker hinterfragen sollten.
„Der Druck ist heute viel höher als vor 30 Jahren“, WiWo 2.7.19

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England bringt Achtsamkeit in die Schulen 
Freitag, 12. Juli 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Die Zahlen sind alarmierend - laut National Health Survey zeigt jedes achte in England zur Schule gehende Kind im Alter von 5 bis 19 Jahren bereits mindestens eine psychische Störung. Die Regierung versucht nun gegenzusteuern. Der ambitionierte Plan: Bis 2021 soll an 370 Schulen das Thema psychische Gesundheit stärker verankert werden. Die Idee ist, Kinder systematisch mit Fragen des Wohlbefindens und Glücks in Kontakt zu bringen. Methodisch sollen Muskelentspannungstechniken, Atemübungen und Achtsamkeitsmethoden vermittelt werden. So können die Kids über zwei Jahre lernen, wie sie Selbstfürsorge praktizieren können. Auch in Deutschland gibt es bereits ein ähnliches Modellprojekt. In Solingen werden an 21 Grundschulen Achtsamkeitstechniken gelehrt. Im kommenden Jahr soll dieses Projekt ausgewertet sein.
Psychische Gesundheit: Englands Schulen lehren Achtsamkeit, goodimpact 29.5.19

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