Wenn Erholung zur Arbeit wird 
Donnerstag, 12. September 2019 - Bewusstsein, Psychologie, Arbeit, Management
Mit Achtsamkeitsprogrammen den Mitarbeitern beim Regenerieren helfen, das wird in immer mehr Unternehmen zur Strategie, zumal sich seit Jahren statistisch betrachtet die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen erhöhen. Die Soziologin Greta Wagner betrachtet solche Ansätze eher kritisch. In einem Interview mit der Zeit etwa sagt sie: "Diese Strategien sind ambivalent, weil sie den Angestellten sehr viel Eigenverantwortung dafür übertragen, einen individuellen Umgang mit organisational verursachten Problemen zu finden. Oftmals würde die Einstellung von mehr Personal den Stress effektiver mindern, aber zu höheren Kosten. Mit mindfulness trainings lernen die Arbeitenden, Stress durch Termindruck und internationale Konkurrenz selbst auszugleichen, indem sie an ihrer eigenen psychischen Belastbarkeit arbeiten. Dieses kulturelle Muster findet sich eben in vielen Bereichen der Gegenwartsgesellschaft: Wer trotz Achtsamkeitstraining noch gestresst ist, ist selbst schuld." Sie beschreibt die Komplexität kulturellen Wandels, der immer mehr Menschen zusetzt: "Die Ansprüche an die Flexibilität der Menschen haben sich gewandelt, das zeigt sich zum Beispiel in viel brüchigeren Berufsbiographien. Auch die Digitalisierung verursacht neue Anpassungsprobleme. Insbesondere mehrere Arbeiten gleichzeitig erledigen zu müssen und die Verdichtung der Arbeitszeit werden als Stressoren erlebt. In den Unternehmen haben sich Organisationsformen entwickelt, die sich durch flachere Hierarchien, flexiblere Arbeitszeiten und mehr Eigenverantwortung auszeichnen und in der das kreative Potential der Beschäftigten viel stärker gefragt ist." Wo alles sich ständig ändere, seien persönliche Resilienzbemühungen natürlich insbesondere seitens der Unternehmen sehr gefragt. "Vor diesem Hintergrund erscheint die innere Einstellung, die alles mit Gelassenheit annimmt, für Arbeitgeber wie für Arbeitnehmer attraktiv. Die Frage, wie man Arbeit so gestalten kann, dass sie Gefühle von Überforderung erst gar nicht kreiert, gerät dabei aus dem Fokus. Die Verantwortung liegt also wieder im individuellen Handeln und nicht in der Organisationsstruktur. Dieses kulturelle Muster findet sich in allen Lebensbereichen wieder", so Wagner. Ich würde mir wünschen, in den Medien häufiger solche Metabetrachtungen zu finden, die die größeren Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge in den Blick nehmen. Achtsamkeit ist gut und wichtig, aber als dauerhafter Kompensationsmechanismus für die Schieflagen größerer gesellschaftlicher Zusammenhänge ist sie schlicht nicht hinreichend.
Wann ist Erholung eigentlich Arbeit geworden?, Zeit.de 4.9.19


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Wider die humane Selbstabwertung 
Mittwoch, 11. September 2019 - Bewusstsein, Lebensart
"Vertraue auf die natürliche Intelligenz", postuliert der Zukunftsforscher Matthias Horx mit seinem neuen Buch. Ein Teil des Buches widmet sich der Euphorie im Hinblick auf künstliche Intelligenz ebenso wie der parallel dazu um sich greifenden Panik. Horx' Diagnose ist nicht sonderlich tiefschürfend, wohl aber kulturell treffend: "Eine der quälenden Selbstwahrnehmungen des Menschen besteht darin, sich selbst als schrecklich UNGEORDNET zu empfinden. Menschliche Existenz ist »messy«, ein einziges Chaos widerstreitender Gefühle, Instinkte, einfacher physiologische Empfindungen wie Hunger, Geilheit, Gier, Erschöpfung, die vielen Töne der Angst, Sehnsucht, Liebe und Wahn. Dieses chaotische Durcheinander quält uns, es vermittelt die Selbstwahrnehmung, irgendwie »kaputt« zu sein." Technik wird in diesem Kontext dann entweder zum Heilsbringer oder zum Dämon, der alles nur noch schlimmer werden lässt. Horx warnt davor, durch immer neue technische Vorstöße das Falsche im Leben immer weiter zu perfektionieren. Und rät, wir sollten uns wieder mehr auf unsere natürliche Intelligenz besinnen. Ist interessant, sich einmal zu fragen, wer wir wirklich sind, jenseits unserer Facebook-Blase, den ständigen Konsumvorschlägen, die die Algorithmen uns machen, und all der leblosen Virtualisierung, in der wir große Teile unserer Tage verbringen. Wir müssten uns nur trauen, mal wieder genauer hinzuschauen ... Geht, versprochen, völlig analog ...
Vertraue auf die natürliche Intelligenz

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Unternehmenswelt auf Kuschelkurs? 
Dienstag, 10. September 2019 - Bewusstsein, Arbeit, Management
"Vorsicht vor dem Kuschelkapitalismus", warnte kürzlich die Zeit, nachdem 181 Firmenchefs, die dem Business Roundtable, einer starken Lobbygruppe von US-Großkonzernen, angehören, öffentlich gemacht hatten, künftig nicht mehr allein dem Shareholder-Value-Denken folgen zu wollen, sondern ihr Augenmerk auch auf das Wohlergehen von Mitarbeitern, Kunden und dem Gemeinwesen zu legen. Allein, dass ein solches Statement zur Nachricht wird, zeigt schon, in welcher Welt wir tatsächlich leben. Konkurrenz und Gier sind eben die vorherrschenden Modi der Unternehmenswelt. Da lässt es aufhorschen, wenn die, die Milliarden bewegen und verdienen, auf einmal vorgeben, künftig nett sein zu wollen. "Während jedes Unternehmen seinen individuellen Unternehmenszweck erfüllt, teilen wir alle eine grundsätzliche Verantwortung gegenüber allen unseren Interessengruppen. Wir verpflichten uns, für sie alle wertschöpfend zu handeln, um dem künftigen Erfolg unserer Unternehmen, unseres Gemeinwesens und unseres Landes zu dienen", behauptet das Manifest der Unternehmer. Man darf gespannt sein, ob daraus etwas wird - oder ob das Ganze nur ein kleiner Sommerloch-Hype war. Eine nicht unwesentliche Frage dürfte ja auch sein, wer mit "unsere Interessengruppen" wirklich gemeint ist. Sicherlich nicht jene Menschen, die bisher unter den Geschäftspraktiken dieser Business-Giganten leiden.
Vorsicht vor dem Kuschelkapitalismus, Ziet 27.8.19

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Die Privatisierungsfalle der Achtsamkeit 
Montag, 9. September 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Arbeit
Achtsamkeit ist womöglich auch so populär geworden, weil sie unser Gefühl von Selbstwirksamkeit stärken kann. Zu viel Stress? Ein nerviger Job? Rundum überfordert? All das, so zumindest das vielfache Versprechen, lässt sich mit Achtsamkeit in den Griff bekommen. Der Tagesspiegel geht in einem Beitrag der Frage nach, inwieweit ein solch individuelles Gegenwirken bei Herausforderungen, die gerade nicht allein dem persönlichen Verhalten oder gar Zugriff geschuldet sind, nicht auch zur Falle werden kann. Wer ganz damit beschäftigt ist, gegen das eigene Unwohlsein mit Meditation vorzugehen, vergesse leicht, dass die Ursachen oft in größeren Kontexten liegen, auf die man selbst wenig Einfluss hat. Das wird Achtsamkeit leicht zu ein bisschen Kompensation, ohne dass das eigentliche Problem gelöst wird. Gesellschaftliche Schieflagen können sich so verfestigen. Und statt die steigenden kollektiven Herausforderungen endlich in Angriff zu nehmen, verliert man sich leicht im Rückzug ins Private. Dann wird das Ich zur permanenten work-in-progress und verfestigt die ohnehin schon kulturell stark ausgeprägte Ich-Fixiertheit. All das ist natürlich nicht die Schuld von Achtsamkeit. Diese möglichen Gefahren zeigen eher, was geschieht, wenn eine überindividualisierte und entsolidarisierte Gesellschaft neue Tools schmackhaft gemacht bekommt, die diese Zustände verfestigen. Achtsamkeit als wirkliches Loslassen vermag auch Türen zu öffnen - im Geist wie im Herzen. Und dann wird man vielleicht wach für das, was wirklich getan werden sollte.
Die gefährlichen Folgen der Achtsamkeitslehre, Tagesspiegel 19.8.19

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Zeit für Achtsamkeit 
Montag, 19. August 2019 - sonstiges
Achtsamkeit ist nicht nur immer wieder Thema auf diesem Blog, sondern auch in meinem Leben. think.work.different macht Sommerpause, da ich einige Zeit im Retreat sein werde. Wir sind ab 9. September dann wieder mit frischen News für Sie da. Und ich wünsche Ihnen schöne Sommertage!

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Beleidigte Ratgeber 
Freitag, 16. August 2019 - Psychologie, Arbeit, Management
Andere um Rat zu fragen, kann sehr hilfreich sein. Man sollte sich jedoch auch darüber im Klaren sein, dass diese Ratgeber bisweilen gar nicht amused reagieren, wenn man dann nicht auf sie hört - oder wenn man sich gar erdreistet, auch andere Menschen um ihre Perspektive zu bitten. Das zeigt eine Studienreihe der Harvard Business School. Kollegen oder Mentoren, die sich in ihrer Ratgeberrolle nicht gewürdigt fühlten, reagieren der Studie zufolge durchaus mit Kränkung oder torpedieren die Ratsuchenden sogar im Nachhinein. Menschen, die gerne unterschiedliche Meinungen einholen, werden der Studie zufolge auch als inkompetent wahrgenommen. Man sollte sich also gut überlegen, wen man um Rat fragt und warum. Die Studie rät, eigene Ziele zuvor offenzulegen, um keine Enttäuschungen oder gar Vergeltungsakte zu provozieren. Mich würde ja interessieren, ob die Untersuchung auch für die beleidigt Reagierenden Ratschläge parat hat.
Besser nicht ignorieren, HBM 16.8.19

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Unehrlichkeit gräbt sich ins Leben ein 
Donnerstag, 15. August 2019 - Bewusstsein, Studien, Arbeit, Management
Manchmal ein bisschen Flunkern, aber eigentlich ist man doch ehrlich? Viele Menschen dürften genau dieses Selbstbild von sich haben. Ich erinnere mich an eine Übungsaufgabe aus einem Buch des Beraters Lance Secretan, in der sich diese Lebenshaltung gut einfangen lässt. Er legte den Teilnehmenden seiner Kurse Fragenkataloge vor, bei denen sie ihre Selbsteinschätzung auf einer Skala von 0 bis 10 machen sollten. Eine der Fragen: Ich sage stets die Wahrheit. Die große Mehrheit der Kursteilnehmer machte hier ihr Kreuz im Bereich von 8 oder 9. Den Wenigsten war hingegen bewusst, dass der Wortlaut ein absoluter war - und man entweder mit 0 oder 10 hätte antworten können, während die Zwischenstufen schlicht Schönfärberei sind. Eine Studie mit den Daten eines gehackten Portals für Seitensprünge zeigt, wie tief sich Unehrlichkeit ins Leben graben kann. Die Wissenschaftler verglichen die Daten von 11.000 der registrierten Fremdgeher mit Datensätzen der Normalbevölkerung und fanden heraus, dass die, die Seitensprünge suchten, auch im Berufsleben deutlich öfter betrogen - die Wahrscheinlichkeit dafür war bei ihnen nahezu doppelt so hoch. Ehrlichkeit ist irgendwie ein ganz oder gar nicht Bereich - und wenn die Grenzen löchrig werden, ist man schnell auf der anderen Seite.
Wer privat fremdgeht, betrügt auch im Job eher, Manager Magazin 9.8.19


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Natürliche Unnatürlichkeit 
Mittwoch, 14. August 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Studien
Was empfinden wir in unserer modernen, vielerorts größtenteils von Menschenhand gestalteten Umwelt als natürlich? Dieser Frage ging eine Studie nach, für die 1.400 britische Parkbesucher befragt wurden. Die Naturliebhaber wurden dabei in ganz unterschiedliche Grünanlagen geschickt - manche urwüchsig-wild, andere dezent gestaltet, wieder andere klar ersichtlich die Schöpfung ambitionierter Gartenbauer. Dort, wo die Gärten sehr architektonisch angelegt waren, empfanden die Besucher*innen sie eher als unnatürlich. Ob ein Areal besonders wildwüchsig, also kaum von Menschenhand gezügelt war, oder dezent, aber doch deutlich wahrnehmbar gestaltet wurde, machte hingegen kaum einen Unterschied - beide Gestaltungsformen wurden von den Studienteilnehmenden als natürlich empfunden. Kritischer zeigten sich lediglich die Gebildeteren unter den Befragten, sie schätzten die Natürlichkeit der Parks generell deutlich niedriger ein. Es ist interessant, wie sehr wir anscheinend fast schon automatisch mit Grün auch Natürlichkeit verbinden. Ich fühle mich da sehr an einen Besuch in San Francisco erinnert. Die Stadt viele sehr, sehr schöne Parks. Ich begann mich seinerzeit jedoch schon nach kurzer Verweildauer irgendwie unwohl zu fühlen. Vielleicht, weil etwas in mir, und wahrscheinlich nicht nur der wissende Intellekt, spürte, dass vieles zwar natürlich aussah, aber eben doch sehr gezähmte Natur repräsentierte.
Ganz natürlich, Psychologie heute 10.7.19


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