Home Office macht produktiv und stresst dabei sehr 
Freitag, 4. Oktober 2019 - Psychologie, Studien, Arbeit, Management
Mitarbeiter, die im Home Office arbeiten, schätzen daran oft nicht nur die besseren Möglichkeiten der Zeiteinteilung, sondern bemerken auch, dass sie von zuhause aus viel produktiver sind. Eine Umfrage der Krankenkasse AOK unter 2.000 Beschäftigten zeigt aber auch, dass die Heimarbeiter dafür einen Preis zahlen. 73,4 Prozent von ihnen fühlten sich im letzten Jahr erschöpft, unter den Büroarbeitern sagten dies "nur" 66 Prozent von sich. Ähnliche Unterschiede zeigen sich bei Wut und Verärgerung, die 69,8 Prozent der zuhause Arbeitenden empfinden, während es bei den im Büro Arbeitenden 58,6 Prozent sind. Auch die Nervosität und Reizbarkeit lag im Home Office mit 67,5 Prozent höher als im Büro (52,7 Prozent). Auch die bessere Zeiteinteilung bei der Arbeit von zuhause scheint nicht zu funktionieren, jeder Fünfte hatte hier Probleme, im Büro nur jeder Zehnte. 38,3 Prozent fällt es schwer, nach einem Home Office Tag abzuschalten, bei denen, die aus dem Büro nach Hause kommen, sind es 24,9 Prozent. Die Umfrage hat die genauen Gründe für diese Diskrepanzen nicht untersucht. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das subjektive Gefühl, alle Lasten auf den eigenen Schultern zu tragen, bei Menschen, die allein von zuhause aus arbeiten, größer ist. Was ich darüber hinaus bemerkenswert finde, ist, dass beide Gruppen von Arbeitenden eine sehr hohe Belastung zeigen, was alles andere als gesund ist.
Homeoffice ist für viele eine Belastung, zeit.de 17.9.19

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Führungsmüde und arbeitsmüde 
Mittwoch, 2. Oktober 2019 - Studien, Arbeit, Management
In deutschen Unternehmen scheint sich eine deutliche Arbeits- und Führungsmüdigkeit anzuzeichnen. Einer internationalen Studie der Boston Consulting Group zufolge würden 37 Prozent der befragten Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung und 28 Prozent der Führungskräfte am liebsten nicht mehr arbeiten. Und nur sieben Prozent der Angestellten können sich vorstellen, in den kommenden fünf bis zehn Jahren eine Führungsposition anzustreben. Wie anders sind da die Vorzeichen in einem Land wie China. Hier sind nur 13 Prozent der Führungskräfte arbeitsmüde, unter den Angestellten sogar nur vier Prozent. Wobei ich mich bei letzter Zahl frage, ob sie wirklich den Empfindungen der Menschen entspricht. Ich könnte mir gut vorstellen, dass viele Arbeitende in China allein den Gedanken, nicht mehr zu arbeiten, für undenkbar halten, wirkt er doch in einem autokratischen System, in dem Individualismus gerade erst dabei ist, sich tiefer zu entwickeln, wirklich vermessen. Unter den Chinesen würden gerne 47 Prozent aufsteigen und Führungsaufgaben übernehmen. Vielleicht, weil ein solcher Schritt illustriert, dass man es geschafft hat. 64 Prozent der deutschen Führungskräfte fühlen sich gestresst und 82 Prozent sagen, dass ihr Job immer schwerer wird. Die Indizien häufen sich also, dass es in unserer Arbeitswelt an vielen Ecken bröckelt. Die Frage ist, wie wir damit kulturell und gesellschaftlich umgehen können.
Keine Lust auf Karriere, spiegel.de 21.9.19

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Mit Unsicherheit leben 
Dienstag, 1. Oktober 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Arbeit
Die Suche nach Sicherheit gehört wohl zu den Grunddilemmata des menschlichen Lebens. "Im Gegensatz zum Tier hat der Mensch die Freiheit, die Zukunft zu gestalten, und das bedeutet immer eine gewisse Unsicherheit. Das ist an sich überhaupt nichts Schlimmes, problematisch ist es nur, wenn die Unsicherheit zu groß wird", sagt der Wirtschaftsethiker Martin Booms in einem Interview mit der Zeit. In Zeiten, in denen man sich nicht sicher sein kann, seinen Arbeitsplatz auch noch in ein paar Jahren zu haben, in denen Mieten ständig steigen und die soziale Verunsicherung zunimmt und im Angesicht eines Klimawandels, dessen Folgen für unsere Lebensumstände wir uns noch gar nicht vorzustellen vermögen, wird das leicht zum Problem, weil wir uns von allen Seiten überfordert fühlen. Booms rät dazu, diese Volatilität der Lebensumstände nicht nur als Bedrohung aufzufassen, sondern auch Chancen darin zu erkennen. Doch sieht er auch, dass individuelle Anstrengungen allein hier nicht ausreichen, denn wenn die äußeren Lebensgrundlagen bröckeln, wird es existenziell. "Der Einzelne allein kann das nicht tragen. In Umbruchzeiten geht es deshalb darum, Menschen nicht allein zu lassen, sondern neue gesellschaftliche Modelle von Unterstützung und Teilhabe zu etablieren. Das wird aber nur gehen, wenn wir uns vorher gedanklich frei machen und nicht aus bloßer Angst vor der Veränderung erstarren", so der Ethiker. Für ihn liegt in Ideen wie dem Grundeinkommen eine Möglichkeit, Menschen genügend Freiraum zu geben, ohne akute Bedrohungsängste immer wieder ihren Weg zu finden unter den Vorzeichen der Veränderung.
"Erst seit wir etwas haben, haben wir auch etwas zu verlieren", zeit.de 13.9.19

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Wenn Halbwissen zur Sackgasse wird 
Montag, 30. September 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie, Studien
In Zeiten, in denen man nahezu alles googeln kann, wird das Gehirn faul. Ich merke oft genug bei mir selbst, wie ich mir bisweilen Details nicht mehr so gerne merke wie zu Zeiten, als einmal vergessene Informationen noch viel schwieriger wiederzuerlangen waren. Eine solche Lässigkeit im Umgang mit potentiellem Wissen kann jedoch gravierende Nachteile haben. Eine amerikanische Studie untersuchte kürzlich in Tests mit rund 3.500 Schülern, wie essentiell das Kennen von Fachbegriffen ist, um größere Zusammenhänge zu verstehen. Dabei zeigte sich, dass wenn die Schüler weniger als 60 Prozent der Schlüsselbegriffe eines Textes verstanden, sich ihnen auch der Gesamtzusammenhang kaum erschloss. Vielleicht kann man sagen, je kleiner unsere Wissensbasis ist, umso enger werden dadurch auch unsere Möglichkeiten, die Welt zu verstehen. Das mag banal klingen. Doch man kann leicht selbst an sich beobachten, ob man dazu neigt, Wissen eher zu inhalieren und sich somit eine dauerhafte Verstehensgrundlage für größere Zusammenhänge zu schaffen, oder ob man geneigt ist zu denken: "Na ja, sollte ich das noch mal wissen müssen, kann ich's ja googeln."
Halbwissen bringt nichts, spektrum.de 26.8.19

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Arbeiten, arbeiten, mehr arbeiten 
Freitag, 27. September 2019 - Studien, Arbeit, Management
Der Arbeitszeitmonitor der Beratungsgesellschaft Compensation Partners zeigt wieder einmal, dass Überstunden in der Arbeitswelt längst eine branchenübergreifende Selbstverständlichkeit sind. Zwischen 1,85 Wochenstunden (Steuerberater) und 5,18 Wochenstunden (Unternehmensberater) liegt die in der Erhebung erfasste Mehrarbeit, wobei Menschen in höheren Karrierepositionen mehr Überstunden leisten als jene, die in niedrigeren Positionen tätig sind. Erstaunlich finde ich, wie oft Überstunden heute nicht vergütet werden. Bei Menschen mit Einkommen über der Beitragsbemessungsgrenze (6700 Euro brutto im Westen, 6150 Euro brutto im Osten) gilt Mehrarbeit oft bereits via Arbeitsvertrag als abgegolten. Aber über die Branchen hinweg ist das Bild dennoch erstaunlich, denn je nach Branche werden zwischen 52 Prozent (Messebetreiber) und 75 Prozent (Unternehmensberatung) nicht bezahlt. Die nichtvergütete Mehrarbeit erreicht also auch die nicht so gut bezahlten Angestellten. Welche Denkweise und Kultur dahinter steckt, spiegelt das Zitat einer Karriereberaterin zu den Zahlen in dem Bericht der Welt wider: "Wenn man hier mit dem Arbeitspensum unzufrieden ist, lohnt es sich eher zu hinterfragen, ob das der richtige Job ist und wo man in seiner Karriere wirklich hin will." Menschlichkeit oder menschliches Maß scheinen hier kein Thema zu sein, man huldigt eben einer Leistungskultur des immer Mehr.
In diesen Jobs drohen Ihnen die meisten Überstunden, welt.de 17.9.19

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Haben wir uns der Arbeit ausgeliefert? 
Donnerstag, 26. September 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft, Arbeit
Ein Beitrag meines Lieblingssoziologen Hartmut Rosa in der NZZ hat mich schwer zum Nachdenken gebracht. Rosa beschreibt darin ausführlich, warum die Arbeitswelt heute für die meisten Menschen einer der wichtigsten, wenn nicht gar der wichtigste Resonanzraum ist. "Tatsächlich bildet insbesondere in der modernen Gesellschaft Arbeit nicht nur eine Resonanzachse, sondern sie stellt eine zentrale Resonanzquelle dar, in der sich eine Vielzahl von Resonanzachsen wie in einem Brennglas bündeln. Wir begegnen nämlich nicht nur der stofflich-materiellen, widerständigen Welt, an der wir unsere Selbstwirksamkeit entfalten, sondern immer auch anderen Menschen als Kollegen und/oder als Kunden beziehungsweise Klienten, und die überwältigende Mehrzahl von Arbeitenden entwickelt über die Zeit hinweg deshalb intensive soziale Resonanzbeziehungen am Arbeitsplatz: Die Kollegen sind uns nicht gleichgültig, sie berühren uns in ihrem Handeln und Leiden, und wir erfahren uns als selbstwirksam verbunden, wenn wir feststellen, dass wir auch ihnen etwas bedeuten", so Rosa. Die Bedeutsamkeiten und Beziehungen, die uns hier entgegenkommen, mögen uns im Leben tragen. Aber sie verbinden uns auch mit Systemen, die uns oft alles andere als gut tun. Noch kritischer finde ich aber, dass Arbeit heute auch die Sinndimension immer mehr einzunehmen scheint. "Über ihre Arbeit fühlen sich Menschen auch existenziell oder vertikal mit dem Ganzen der Gesellschaft, der Welt oder des Lebens verbunden. Ich nenne das die vertikale oder existenzielle Resonanzachse: Menschen brauchen und suchen nach einer Bestätigung oder einem Sinn dafür, dass sie mit dem Urgrund der Existenz und zugleich mit der Totalität des Daseins verbunden sind, und zwar so verbunden, dass ihr Dasein und ihr Handeln, ihre Existenz nicht spurlos vorübergeht, nicht wirkungslos und bedeutungslos bleibt. Menschen müssen sich einerseits als wirksam und andererseits als «gemeint», als «adressiert» erfahren können. In der Berufsarbeit können sich Menschen ihres resonanten In-der-Welt-Seins auf unmittelbar leiblich-materielle, auf sinnlich erfahrbare Weise vergewissern: In ihrem Arbeiten wirken sie auf die Welt ein und transformieren sie – und sei es «nur» das Regal im Supermarktlager –, und im Lohn- oder Gehaltszettel erfahren sie die nährende Antwort", so Rosa. Das finde ich eine bedenkliche, ja schmerzhafte Entwicklung. Ich glaube, leider, dass Hartmut Rosa hier ein sehr guter Beobachter der Verhältnisse unserer Zeit ist. Aber ich würde mir wünschen, dass wir wieder andere existenzielle Resonanzräume für uns entdecken und beleben, die nicht schon per se in die Funktionalismen des Leistens eingebunden sind.
In der Arbeit finden wir die Welt, NZZ 16.9.19

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Special zu Achtsamkeit in der Apotheken Umschau 
Mittwoch, 25. September 2019 - Bewusstsein, Lebensart, Psychologie
Woran erkennt man, dass ein Thema in der breiten Bevölkerung ankommt? Die Apotheken Umschau hat kürzlich ein langes, langes Special zu Achtsamkeit veröffentlicht - wieder ein Indiz mehr, dass Meditieren immer weitere Schichten der Gesellschaft erreicht. Das Special gibt einen sehr guten Überblick über den Forschungsstand, lässt Wissenschaftler, Therapeuten und Praktiker zu Wort kommen und gibt Empfehlungen, wie man mit dem Meditieren anfangen kann. Eine Artikelempfehlung für Menschen im eigenen Bekanntenkreis, die Achtsamkeit bisher eher als esoterischen Humbug betrachtet haben. Ich finde es bemerkenswert, dass ein Blatt wie die Apotheken Umschau, das von Apotheken zur Kundenbindung gekauft und verteilt wird, weil sie ihre Produkte besser verkaufen möchten, sich einem Thema widmet, dessen Kern unverkäuflich ist. Gratulation!
Meditation: Gesund durch Achtsamkeit, Apotheken Umschau 16.9.19

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Abhängigkeits-Krise - warum Firmen allein nicht das Problem sind 
Dienstag, 24. September 2019 - Bewusstsein, Lebensart
In den USA werden diverse Pharmahersteller zur Zeit von allen Seiten angegangen und mit Prozessen überzogen. Hintergrund ist die so genannte Opioid-Krise, der schon mehr als 400.000 Todesfälle zugerechnet werden. Es gab in den letzten Jahren schon zahlreiche Medienberichte, die aufzeigten, wie rasant in den USA der Verbrauch an süchtig machenden Schmerzmitteln in der jüngsten Vergangenheit angestiegen ist. Den Unternehmen wird nun unter anderem zu aggressives Marketing für ihre Produkte vorgehalten. Das mag zutreffend sein. Und auch Ärzten, die leichtfertig oder zu lange solche Medikamente verschreiben, mag man berechtigterweise Vorwürfe machen. Aber die eigentlichen Probleme dürften viel, viel tiefer liegen. In Kulturen, in denen die eigene Leistungsfähigkeit heutzutage nahezu das wichtigste Gut ist, unternehmen Menschen eben alles ihnen Mögliche, um ihre Arbeitsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Auch, weil sie im Kontext maroder Gesundheitssysteme oft glauben, keine andere Wahl zu haben. Längerfristige Therapien, die viel Zeit benötigen, und Phasen der Regeneration, sind unter den Vorzeichen der Leistungskultur kaum vorgesehen. Firmen für die von ihnen mitversursachten Schäden - den Verlust vieler, vieler Menschenleben - haftbar zu machen, ist eine, notwendige, Sache. Aber was wirklich notwendig wäre, ist ein kultureller Wandel, der jenen, die Hilfe brauchen, diese auch zukommen lässt - und zwar nicht allein in Tablettenform.
Die große Abrechnung, spiegel.de 16.9.19

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