Ernährung ist politisch 
Freitag, 2. Juli 2021 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
Was wir essen, hat Folgen - nicht nur für uns persönlich, sondern für die Gesellschaft im Ganzen. Der Ethikrat hat sich mit der Frage beschäftigt, wer für eine gesunde Ernährung verantwortlich ist, und dabei den Philosophen Thomas Mohrs auf seiner Jahressitzung zu Wort kommen lassen. Er findet, das Thema "Public Health" müsse mit all seinen demokratiepolitischen Grundsatzfragen betrachtet werden. So verweist er etwa auf die hohen Kosten im Gesundheitswesen, die aus Mangel- und Fehlernährung erwachsen. Gleichzeitig sei es unverantwortlich von Konsument.innen, die Folgen ihrer ungesunden Lebensweise der Allgemeinheit aufzubürden. "Es ist häufig eine Frage der Werte", sagt Mohrs im Deutschlandfunk. Sich kein besseres, gesünderes Essen leisten zu können, ist in seinen Augen häufig eine Ausrede. Gleichzeitig müsse die Politik sicherstellen, dass auch die Ärmeren die Möglichkeit haben, sich gesund zu ernähren. Betrachtet man den Zulauf, den beispielsweise die Tafeln mit ihrer kostenlosen Lebensmittelausgabe haben, wird deutlich, dass nicht wenigen ihre Werte nichts nutzen, wenn sie schon nach der Hälfte des Monats kein Geld mehr für Lebensmittel übrig haben.
Sorg‘ für dich selbst!, Deutschlandfunk Kultur 23.6.21

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Die Freiräume innerhalb der Grenzen entdecken 
Montag, 28. Juni 2021 - Bewusstsein, Wissenschaft
Nachdem die Klimakrise nun auf der politischen Agenda wieder ein Stück nach vorne gerückt ist, wird es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich die Ambitionen, die Klimaneutralität zu erreichen, in Gesetzen und Verboten niederschlagen. Doch wie für all die vielen konkreten Lebensbereiche, um die es hier geht, geeignete Regelungen finden? Der Klimaforscher Anders Levermann macht in einem Interview mit der Zeit einen interessanten Vorschlag, der durch Einfachheit überzeugt. Warum nicht einfach im Großen die Grenzen setzen, die nicht mehr überschritten werden dürfen, aber im Kleinen im Hinblick auf die konkrete Umsetzung möglichst viele Freiräume lassen? "Dahinter steht das Prinzip des Wachsens in die Vielfalt: dass die Dinge nicht immer höher, schneller oder weiter werden, sondern besser. Und dieses 'besser' ändert sich mit der Zeit. ... In der Physik erkennen wir dieses Prinzip immer dann, wenn wir unendliches Wachstum im endlichen Raum erzeugen: das Prinzip der Faltung. Man setzt einem System klare Grenzen, nicht kleinteilig, sondern größtmöglich – wie etwa eine maximale Menge CO₂-Ausstoß oder ein Verbot von Plastik ab einem bestimmten Jahr. Solange das System diese klaren Grenzen erkennt, baut es sie ein. Die Dynamik sieht dann oft so aus, dass man erst auf einem bestimmen Pfad wächst, dann der Grenze nahekommt – und umbiegt und sich weiterentwickelt." Ich finde, der Vorschlag hat etwas Faszinierendes, denn er gibt Raum für Wahlmöglichkeiten, für die Entstehung von Innovationen und vermeidet gleichzeitig Verwirrung durch zu viele vorgegebene Details.
"Begrenzen, was wir nicht mehr wollen", zeit.de 16.6.21

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Care-Arbeit wird von der Wirtschaft ausgeblendet 
Dienstag, 8. Juni 2021 - Bewusstsein, Wissenschaft, Arbeit
Wie wichtig die fürsorgliche Tätigkeiten sind, wurde in der Pandemie mehr als deutlich. Vom System der Wirtschaft wird dieser Bereich jedoch nach wie vor gezielt ausgeklammert. Der Forscher Hans Rusinek, der an der Universität St. Gallen am Institut für Wirtschaftsethik zu Sinn und Arbeit promoviert, bezeichnet den vorherrschenden Wirtschaftsbegriff als "kryptonormativ", was so viel bedeutet wie: Er vermittelt Dinge, die als normal gelten, beispielsweise all die harten Fakten des Business, und blendet andere zum Teil völlig aus. Fürsorge, die durch Erziehung beispielsweise erst Menschen zu Arbeitenden werden lässt und dazu beiträgt, die Arbeitsfähigkeit aufrechtzuerhalten, kommt in vielen Wirtschaftslehren als normativer Faktor gar nicht vor. "So spielt Care-Arbeit dann auch in der Wirtschaftswissenschaft kaum eine Rolle. Die wenigen, die dazu forschen, wie sich Fürsorgearbeit in ökonomische Prognosen und Modelle integrieren lässt, sodass unser Wirtschaftsverständnis diesen riesigen blinden Fleck überwindet, müssen dies meist fernab universitärer Belohnungssysteme machen", so Rusinek. Das habe handfeste Folgen: "In einer ähnlichen Logik wie bei der Umwelt werden die Kosten von Care nicht beachtet und eben meist auch nicht in Rechnung gestellt. Care und Umwelt sind die zwei Systeme, die wir für Regeneration haben. Unser Wirtschaften ist auf beide angewiesen – und beutet beide aus." In der Schweiz, errechnete dort das Bundesamt für Statistik, beläuft sich der Gegenwert der Fürsorgearbeit auf 360 Milliarden Euro, ein Volumen, das höher ist als die Wirtschaftskraft der Banken oder der Pharmaindustrie. Man darf gespannt sein, ob die Lehren aus der Pandemie die blinden Flecken im System vielleicht neu beleuchten.
Care-Arbeit darf nicht länger ignoriert werden, Deutschlandfunk Kultur 27.5.21

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Warum Armut ein ernstzunehmendes Politikum ist 
Freitag, 21. Mai 2021 - Lebensart, Wissenschaft, Arbeit
Auf den ersten Blick scheinen wir wirtschaftlich vergleichsweise gut durch die aktuelle Krise zu kommen. Doch gerade an den Rändern der Erwerbsgesellschaft bei Menschen mit ohnehin schon niedrigem Arbeitseinkommen wird es bereits eng. "In der Corona-Krise waren diejenigen in den unteren Einkommensgruppen häufiger von Einkommensverlusten betroffen. Dafür gibt es mehrere Faktoren: Viele geringfügige Beschäftigungen sind in der Pandemie weggebrochen. Andere Geringverdiener arbeiten in Branchen wie dem Gastgewerbe, die in der Pandemie besonders häufig von Kurzarbeit betroffen sind. Wer mit seinem Einkommen nur knapp über der Armutsschwelle liegt, und dann über Monate zehn oder zwanzig Prozent weniger verdient, droht abzurutschen und gerät auf jeden Fall in eine sehr belastende Situation", erklärt die Soziologin Bettina Kohlrausch in einem Interview mit der Zeit. Das habe unmittelbare politische Auswirkungen: "Wir sehen in unseren Daten, die auf einer repräsentativen Befragung von circa 6.000 Erwerbspersonen beruht, dass diejenigen, die Einkommensverluste in der Corona-Pandemie erlitten haben, eher bereit sind, Verschwörungstheorien anzuhängen. Es gibt auch einen Zusammenhang zwischen Einkommensverlusten in der Pandemie und rechtspopulistischen Einstellungen." Hinzu komme, dass die Wahlbeteiligung in den unteren Einkommensgruppen bereits deutlich zurückgegangen sei. "Wer Armut bekämpft, festigt am Ende auch die Grundlage unserer Demokratie", so das Plädoyer der Soziologin, Armut nicht nur als wirtschaftliches Phänomen zu betrachten.
"Homeoffice ist ein Privileg der Reichen", zeit.de 12.5.21

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Nicht allein die Algorithmen sind schuld 
Freitag, 14. Mai 2021 - Bewusstsein, Psychologie, Wissenschaft, Arbeit
Immer wieder wird darüber diskutiert, wie sehr unsere Lebenswelten inzwischen von Algorithmen geformt werden. Fast alle Technologien, die wir nutzen, basieren in ihren Prozessen auf Vorannahmen über die Welt, die von den technischen Routinen gemäß der Logik ihrer Programmierer auf zu lösende Probleme angewendet werden. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass die so genannte künstliche Intelligenz, selbst wenn sie über Mechanismen des Selbstlernens verfügt, niemals autonom ist. Am Anfang steht immer der Mensch, mit seinen Stärken und Schwächen, seinen Visionen, aber auch seinen Denkbegrenzungen. "Algorithmen sind nicht rassistisch. Menschen, die Algorithmen einsetzen, obwohl sie rassistische Ergebnisse produzieren, sind rassistisch. Dennoch muss man sich fragen, wie es dazu kommt, dass Algorithmen rassistische Ergebnisse produzieren. ... Wer eine ... KI gestalten wollte, würde hierfür Daten aus vergangenen Entscheidungen in einen Computer einspeisen, auf deren Basis ein Algorithmus entwickelt wird. Wenn allerdings diese Trainings- und Testdaten bereits rassistisch diskriminieren, weil in der Vergangenheit Menschen durch menschliche Entscheider rassistisch diskriminiert worden sind, dann werden deren subjektive Fehler durch den Algorithmus lediglich objektiviert", erklärt der Philosoph Sebastian Rosengrün in einem Interview mit dem Philosophie Magazin. Er plädiert dafür, Entscheidungen und Prozesse, die mit Menschen zu tun haben, nicht allein auf Maschinen zu verlagern: "Das eigentliche Unding besteht vielmehr darin, dass überhaupt Entscheidungen über menschliche Schicksale an Maschinen delegiert und damit automatisiert werden. Immer wenn Menschen nicht als Menschen angesehen, sondern auf Datenpunkte reduziert werden, läuft etwas grundlegend falsch."
Sebastian Rosengrün: „Algorithmen sind nicht rassistisch, Menschen sind rassistisch“, Philosophie Magazin 5.5.21

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Wenig Sinn für Risiken 
Mittwoch, 5. Mai 2021 - Lebensart, Psychologie, Wissenschaft
Mögliche Risiken für unser Leben angemessen zu bewerten, fällt den meisten Menschen schwer. Gerade in der Pandemie zeigt sich, wie groß die Spannweite zwischen Ignoranz und übertriebener Panik leicht werden kann. Das liegt wohl auch daran, dass Risiken bei uns vor allem emotional ankommen, als gefühlte Bedrohung. Doch Angst (oder ihre Abwesenheit) sagt wenig über die tatsächliche Gefahrenlage. "Vielen Menschen mangelt es leider an Risikokompetenz, weil unsere Bildungspolitik das nicht vorsieht", äußert der Risikoforscher Gerd Gigerenzer etwa in einem Interview mit der Zeit. Am Beispiel der Ängste, die sich inzwischen rund um den Impfstoff von AstraZeneca entwickelt haben, illustriert er, wie schwer es fällt, Risiken angemessen einzuschätzen: "Das Risiko von drei Todesfällen pro einer Million Impfungen mit AstraZeneca entspricht etwa dem Risiko, innerhalb eines Jahres durch einen abgelenkten Autofahrer ums Leben zu kommen." Die Impfung vor Augen, rückt das Risiko sehr nahe. Wenn's ums Autofahren geht, belassen wir es bei unserer Wahrnehmung möglicher Gefahren wahrscheinlich eher im Diffusen, wohl auch, weil es uns schier verrückt machen würde, in jedem Auto eine potentielle Gefahr für unser Leben zu sehen. Der Rat des Risikoforschers: "Es ist wichtig, dass wir Menschen selbst anfangen nachzudenken und mit Unsicherheit leben lernen." Das deutet auf die Entwicklung einer inneren Haltung, die nicht panisch wird, sondern nach nüchternem Abwägen fragt. Die aber auch emotionale Stabilität entwickelt, denn wie der Schriftsteller Erich Kästner schon so schön sagte: "Leben ist immer lebensgefährlich."
"Wir Menschen müssen lernen, mit Unsicherheit zu leben", zeit.de 25.4.21

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Meditation als Tor zur Selbstbestimmung 
Montag, 12. April 2021 - Bewusstsein, Lebensart, Wissenschaft
Der Meditations-Trend wirft immer wieder auch die Frage auf, ob es sich dabei nicht einfach um eine Beruhigungspille handelt. Achtsamkeit als Methode, unter unzureichenden Bedingungen dennoch immer weiter funktionieren zu können. In einem Interview mit dem Nachrichtensender n-tv wirft der Meditationsforscher Ulrich Ott deshalb auch einen Blick auf die tiefere und befreiende Wirkung von Meditation. Er sagt: "Die Menschen merken dann aber, dass mehr hinter Meditation steckt, dass sie ein ganzes Spektrum von Wirkungen hat. Eine davon ist, mehr Authentizität und Integrität zu erlangen, wirklich mit sich selbst eins zu werden. ... Ich glaube, diese Idee, dass man Meditation wie eine Art Pille verschreiben kann, das funktioniert so nicht. Sondern es läuft darauf hinaus, dass die Menschen, die das praktizieren, auch selbstbestimmter leben." Das kann durchaus Konsequenzen haben, denn manche fühlen sich dann veranlasst, substanziell etwas in ihrem Leben beziehungsweise an seinen Umständen etwas zu verändern: "Mein Eindruck ist, dass es tatsächlich diese Kraft entfaltet. Man reflektiert und wird sich auch der Umstände bewusst, in denen man arbeitet. Es gibt eine exemplarische Studie, die das gut illustriert. Sie wurde in einem Callcenter durchgeführt. Man kann sich ja gut vorstellen, dass dort sehr viel Stress herrscht. In dem Callcenter wurde ein Meditationsprogramm durchgeführt, und am Ende der Studie zogen zwei Mitarbeiter tatsächlich die Konsequenz und haben gekündigt."
"Aufmerksamkeit ist wie ein Messer", n-tv.de 22.3.21

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Einsamkeit ist ein Politikum 
Donnerstag, 28. Januar 2021 - Lebensart, Psychologie, Wissenschaft, Arbeit, Management
Die mit den Lockdowns verbundene Isolation der Menschen hat in den vergangenen Monaten bereits viele Psychologen auf den Plan gerufen. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Noreena Hertz geht in ihrer Betrachtung von Einsamkeit und ihren Folgen noch weiter - für sie liegt auf der Hand, dass dies auch ein politisches Thema ist, das so noch viel zu selten wahrgenommen wird. So zeige sich in Studien in Ländern wie den USA, Frankreich oder auch den Niederlanden, dass Rechtspopulisten unter Menschen, die wenige soziale Kontakte haben, auf besonderen Zuspruch stoßen. In den Vereinigten Staaten bezeichnen sich drei von fünf Menschen als "allein", in Großbritannien kennen 60 Prozent der Menschen nicht die Namen ihrer Nachbarn. Was sich hier abzeichnet, scheint nicht weniger als eine Vereinsamung und menschliche Entfremdung im großen Stil zu sein. "Diese Einsamkeit stellt ein sehr kostspieliges Problem dar: Allein in den Vereinigten Staaten schätzt man die damit verbundenen physischen und psychischen Folgen auf sieben Milliarden Euro pro Jahr für die amerikanische Gesundheitsversorgung und zwei Milliarden für die britische. Andererseits ist die Einsamkeit aber auch nützlich, da sie die Menschen für erzählte Traditionen oder auch den Gemeinschaftssinn, die gerade die populistischen Bewegungen verkörpern, besonders empfänglich macht. Viele der Menschen, die ich interviewt habe, erzählten mir, dass ein Besuch bei einer Kundgebung von Donald Trump oder einem Festival der Lega zu den wenigen Momenten gehörte, in denen sie sich einer Gemeinschaft zugehörig fühlten", so Hertz in einem Interview mit welt.de. Die Ökonomin weist auch darauf hin, wie das soziale Miteinander im Alltag zunehmen erodiert: "Diese Bürger, die in der realen Welt kaum noch mit anderen interagieren, empfinden die Auβenwelt als feindseliger und bedrohlicher als andere Personen Soziale Netzwerke und Internet, die auf der thematischen Zwanghaftigkeit ihrer Algorithmen beruhen, treiben die Positionen dieser Menschen noch mehr ins Extreme, vor allem deshalb, weil ihre 'Gemeinschaft' mit anderen nicht real ist, sondern nur online stattfindet." Nur über die durch die Pandemie hervorgerufene Einsamkeit zu klagen, greift also viel zu kurz. Und man kann nur hoffen, dass das Thema auch in Zukunft mehr Beachtung findet.
„Einsamkeit ist ein sehr kostspieliges Problem“, welt.de 19.1.21


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