Das Dilemma des Mindestlohns 
Freitag, 19. November 2010 - Arbeit
Als vor einem halben Jahr Textilarbeiter in Bangladesch in den Streik traten, wurde - kurz - offensichtlich, wie extrem die Arbeitsbedingungen im ärmsten Land der Welt sind. Die für ihre Rechte Streitenden setzten schließlich eine Erhöhung des monatlichen Mindestlohns von 17 auf 30 Euro durch - wobei die Gewerkschaften ursprünglich 50 Euro gefordert hatten. Wie die taz nun berichtet, läge ein die Existenz sichernder Lohn jedoch bei 100 Euro. Die Arbeitgeber, die eigentlich ab 1. November die 30 Euro monatlich zahlen müssten, versuchen derweil, die Erhöhung zu schieben. Experten gehen davon aus, dass es bis zur Durchsetzung des Anspruchs wohl ein Jahr dauern werde. Indes steigen die Preise weiter. So weisen die Gewerkschaften darauf hin, dass für manche Produkte der Preis in den letzten vier Jahren auf das Doppelte gestiegen sei. Bangladesch ist weit weg, und deshalb interessiert es uns meist wenig, unter welchen Bedingungen die Menschen dort Waren für uns herstellen. Und wir selbst gehen hierzulande mit der Mindestlohn-Thematik ähnlich um. Anstatt endlich auch im Niedriglohnbereich zumindest für Einkommen zu sorgen, die wenigstens ein halbwegs anständiges Leben ermöglichen, wird vielerorts gefordert, die Bezüge für Hartz IV weiter zu reduzieren, um mehr Anreiz zur Aufnahme einer Arbeit zu schaffen - die dann so schlecht bezahlt ist, dass man nicht davon leben kann.
Der Schmutz, den man nicht sieht, taz 10.11.10

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Mut zur Mehrdimensionalität 
Donnerstag, 18. November 2010 - Arbeit
Näher am Menschen, nicht nur Profitstreben, sondern eine Orientierung an den Notwendigkeiten der Zeit fordert ein Beitrag von Forum Nachhaltig Wirtschaften zum Thema Social Business. Der Beitrag kritisiert eine eindimensionale Wirtschaft, die sich längst nur noch an der Profitmaximierung ausrichtet: "Diese begrenzte Sicht der Dinge hat uns großen Schaden zugefügt. Als Geschäftsmann ist man dazu verpflichtet, stets eine profitmaximierende Brille zu tragen. Als Ergebnis sieht man in unserer Welt nur noch Möglichkeiten der Profitmaximierung. So bleiben die Probleme unserer Welt ungelöst, weil wir sie durch die Brille des Profits nicht sehen können." Und so schlägt der Artikel vor, dem Old-School-Denken den Blick durch die soziale Brille zur Seite zu stellen und mehr Social Businesses zu gründen, die auch die soziale Dimension als erstrebenswertes Wirkungsfeld erkennen. Unter dem Strich ist der Beitrag ein schöner Appell, geht jedoch leider nicht auf übergeordnete Zusammenhänge ein. Zwar sieht er im Social Business eine Quelle des Glücks, doch hat der Grundgedanke dieses Wirtschaftskonzepts weit mehr zu bieten. Würden wir einmal alle realen Schäden, die von der konventionellen Wirtschaft ausgehen (Umweltverschmutzung, extrem ansteigende Raten bei seelischen Erkrankungen durch die Überbeanspruchung von Mitarbeitern mit den damit verbundenen Kosten für die Kranken- und Sozialkassen, Verschwendung natürlicher Ressourcen) konventionell wirtschaftlich bilanzieren und von ihren Verursachern auch kompensieren lassen, wäre das profitmaximierende Business längst am Ende und wir hätten eine nachhaltige Wirtschaft.
Brauchen wir eine neue Form von Business? FNW 10.11.10

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Der Mythos der Kreativarbeiter 
Mittwoch, 17. November 2010 - Arbeit
Im Interview mit der Zeit geht der Soziologe Ulrich Bröckling der Frage nach, wie kreativ und frei das Leben der Arbeitenden in der Kreativwirtschaft ist - und entzaubert dabei so manchen Mythos: "Das Lob der Kreativwirtschaft klingt in meinen Ohren wie eine Identifikation mit dem Aggressor. Man feiert die Zumutungen, weil man sie nicht ändern kann. Ökonomisch erfolgreich sind nur die wenigsten. Überhaupt ist es ja nur eine sehr kleine Schicht, die in der Kreativwirtschaft arbeitet, meist junge Leute zwischen Mitte Zwanzig und Ende Dreißig, in der Regel ohne Familie. Sie sind in der Tat mobil, dynamisch und bereit, mit wenig auszukommen. Die eine oder der andere wird wohl auch noch von den Eltern alimentiert. Die Arbeitsbedingungen in der Kreativwirtschaft sind jedenfalls nichts für Leute, die kleine Kinder haben oder Angehörige pflegen müssen." Bröckling richtet das Augenmerk auf Selbstausbeutung, die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit und nimmt an, dass viele Kreativarbeiter romantisch dem Traum vom ganzheitlichen Leben nachhängen, während sie eigentlich der Selbstausbeutung frönen. Gleichzeitig beschreibt er auch neue, verführerische Bezüge zwischen Kunst und Kommerz: "Künstler produzieren Differenzen, sie brechen Regeln und überschreiten Grenzen. Genau das fordert auch der Markt. Anders gesagt: Zwischen der modernen Kunst und der unternehmerischen Tätigkeit besteht eine strukturelle Verwandtschaft. Moderne Kunst bricht den alten Formenkanon auf und produziert Neues. Und der Unternehmer ist gerade kein bloßer Verwalter, sondern ein »schöpferischer Zerstörer«, wie das der Ökonom Joseph Schumpeter genannt hat. Er setzt Innovationen durch, sucht nach Alleinstellungsmerkmalen. Mit kleinen semantischen Umstellungen können Sie das alles auf den künstlerischen Bereich übertragen, es gibt Transfers in beide Richtungen. Der Unternehmer ist ein Künstler, und der Künstler ein Unternehmer." Bei allen Chancen zur Gestaltung bleibt das Fazit des Soziologen letztlich jedoch nüchtern: "Das unternehmerische Selbst ist auch ein erschöpftes Selbst."
"Kreativ? Das Wort ist vergiftet", Die Zeit 8.11.10

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Abstruses Menschenbild 
Montag, 8. November 2010 - Arbeit
Die Welt schlägt mit einem Beitrag des Wirtschaftsphilosophen Gerd Habermann ein neues Kapitel in Sachen Sozialdarwinismus auf. Habermann kritisiert vehement die Hartz IV-Politik und propagiert ein ganz eigenes Bild von Menschenwürde: "Man ist nicht unfrei, wenn man ärmlich leben muss – Freiheit verstanden als Freiheit vom willkürlichen Herumkommandiertwerden durch andere Menschen!" Die Tatsache, dass viele ehrliche Arbeitssuchende sich zum Teil seit Jahren um neue Jobs bemühen, aber scheitern, weil der Arbeitsmarkt trotz der aktuellen Visionen einer neuen Vollbeschäftigung schlicht nicht genug her gibt, blendet er dabei aus - ebenso, dass auch diese Millionen Redlichen der Arbeitsagentur permanent Rede und Antwort stehen müssen, Bewerbungen schreiben sollen selbst dort, wo es keinen Sinn macht und kein Erfolg zu erwarten ist, und in Sachen sozialer Teilhabe am Rand der Gesellschaft stehen. Habermann kontert, dass die heutigen Zeiten geradezu komfortabel seien, denn: "Im 19. Jahrhundert galt es dagegen als menschenwürdig, gerade nicht auf öffentliche Kosten zu leben. Vor 1918 entzog man Unterstützungsempfängern sogar das Wahlrecht (übrigens auch den „Bankrotteuren“). Da sind wir heute milder." Bei aller Milde, Druck muss sein. "Zur Menschenwürde gehört auch, dass der Mensch zur Selbsthilfe und zur Selbstverantwortung fähig ist und sich beschämt fühlt, wenn er auf Kosten anderer Leute, sei es auch über Staatsgeschenke, leben muss. Den Empfängern solcher Geschenke ohne Gegenleistung darf es nicht erspart bleiben, diese Situation als schmerzlich zu empfinden. Eben dies spornt an, aus dieser unwürdigen Lage wieder herauszukommen", so Habermann weiter. Der Philosoph wettert gegen Ideen wie die des Grundeinkommens, die seiner Meinung nach die Almosenhaltung der BürgerInnen nur zementiere. Vor lauter Hetze gegen die Sozialbürokratie, die sich nach Habermanns Ansicht durch das Sozialsystem noch Karrieren zimmere, vergisst er dabei, dass es gerade das Anliegen des Grundeinkommens ist, diese abzuschaffen, denn wo niemand mehr gegängelt wird, um halbwegs überleben zu können, braucht es auch keine Verwalter des Fiaskos minimierter gesellschaftlicher Teilhabe ...
Ein seltsames Recht, auf Kosten anderer zu leben! Die Welt 30.10.10

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Zwischen Karma und Kapitalismus 
Donnerstag, 28. Oktober 2010 - Arbeit
Beim Jahreskongress der Deutschen Buddhistischen Union in Berlin stand in diesem Jahr das Thema "Verantwortlich handeln" auf der Agenda. Zahlreiche Experten entwickelten neue Blickwinkel auf die Wirtschaft, die sich auf buddhistische Prinzipien berufen und zu einem grundsätzlichen Umdenken herausfordern. "Wenn immer mehr Leute Bewusstheit in ihre Handlungen hineinlegen, wird sich die Wirtschaft verändern", sagt etwa Kai Romhardt, Dharmalehrer, Unternehmensberater, Coach und Autor des Buches "Wir sind die Wirtschaft". Karl-Heinz Brodbeck, Wirtschaftswissenschaftler und Professor an der FH Würzburg, forscht seit 15 Jahren zur buddhistischen Wirtschaftsethik. "Als ich damals zum ersten Mal den Begriff der Gier verwendet habe, haben mich meine Fachkollegen angeguckt, als käme ich vom Mars", sagt Brodbeck. Der Wissenschaftler warnt vor einfachen Formeln, denn der Buddhismus stamme aus einer Zeit, in der eine Wirtschaft, wie wir sie heute kennen, gerade erst im Entstehen war. Dennoch können wir seiner Meinung nach durch die Reflektion über zentrale buddhistische Perspektiven, beispielsweise die "drei Gifte" Illusion, Gier und Hass, das in der Wirtschaft entstehende Leid besser erkennen und mildern.
Gegen den Karma-Kapitalismus, taz 18.10.10

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Prophylaktisch krank feiern 
Mittwoch, 13. Oktober 2010 - Arbeit
Der Druck am Arbeitsplatz treibt bizarre Blüten. Einer Umfrage von TNS Emnid zufolge, an der sich 1.000 Personen beteiligten, wollen im Herbst rund fünf Prozent der Vollzeitbeschäftigten sich krankschreiben lassen - nicht weil sie tatsächlich krank wären, sondern aufgrund psychischer Probleme, zunehmenden Drucks oder Konflikten am Arbeitsplatz. Hochgerechnet auf die 34 Millionen abhängig Beschäftigten entspricht dies 1,7 Millionen Deutschen. Im Osten ist die Tendenz zum Krankfeiern mit sieben Prozent deutlich höher als im Westen, wo sich "nur" vier Prozent gezielt krankschreiben lassen wollen. Auch scheint das Phänomen vor allem für die Middle Agers zwischen 30 und 50 Jahren zu gelten, denn jüngere und ältere Arbeitnehmer wollen sich deutlich seltener vorsätzlich krankschreiben lassen.
Jeder Zwanzigste will demnächst krank feiern, FTD 4.10.10

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Alnatura zahlt nun nach Tarif 
Freitag, 8. Oktober 2010 - Arbeit
Gerne gelobt, von vielen geliebt - die Biosupermarktkette Alnatura. Doch geriet das Unternehmen kürzlich in die Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass es seine Verkäuferinnen teils deutlich unter Tarif entlohnt. Alnatura hat auf die öffentliche Kritik zeitnah reagiert und seine interne Vergütungsstruktur angepasst. So können sich zahlreiche VerkäuferInnen ab Oktober über zum Teil zweistellige Gehaltszuwächse freuen. Eine Verkäuferin mit zwölf Jahren Berufserfahrung, deren feste Gehaltsbestandteile bisher etwa 23 Prozent unter dem Tarif lagen, bekommt nun beispielsweise 14 Euro pro Stunde, was einer Steigerung um 38 Prozent entspricht.
Alnatura erhöht Gehälter kräftig, taz 30.9.10

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Wachstum ist längst nicht alles 
Freitag, 1. Oktober 2010 - Arbeit
In einem umfassenden Bericht erörtert die Zeit die neuesten wissenschaftlichen Ansätze zum Thema Wachstum und zeigt dabei, dass die heutige Wachstumsgläubigkeit noch gar nicht so lange in den Köpfen verankert sind. Schön ökonomische Vordenker wie John Maynard Keynes und Ludwig Erhard warnten davor, dass die Wachstumspotenziale der Wirtschaft endlich seien und die "Expansion des Materiellen" (Erhard) kein Heilsbringer ist. In Frankreich wächst bereits die Bewegung der decroissance, der Wachstumsverweigerung, und Österreich macht sich auf die Suche nach Wegen zu einer "menschlichen Marktwirtschaft". Nachdem der französische Präsident Sarkozy Wirtschaftskoryphäen wie die Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen dazu aufgefordert hatte, alternative Modelle zum BIP als Wachstumsmaß zu entwickeln, hat nun die OECD diese Initiative weitergeführt und will 2011 neue Indikatoren zur Debatte stellen. Die Idee: Werden auch Aspekte wie Lebensqualität oder ökologische Komponenten in die Betrachtung einbezogen, verändert sich zwangsläufig die Bewertung von Wachstum. Der von deutschen Ökonomen entwickelte "Neue Wohlfahrtsindex" (NWI) illustriert dies bereits eindrücklich. Er fiel viele Jahre lang, obwohl das Sozialprodukt gestiegen ist - weil er auch Faktoren wie Umweltzerstörung einbezieht. Bis Erkenntnisse wie diese zu einem nachhaltigen Bewusstseinswandel führen, wird wohl noch geraume Zeit ins Land gehen. Zeit, die wir nur bedingt haben, denn mit dem World Overshoot Day - einer Messgröße des Global Footprint Network, die zeigt, ab welchem Tag im Jahr der Ressourcenverbrauch die jährlich dauerhaft nutzbare Kapazität der Erde zur Regeneration dieser Ressourcen übersteigt - haben wir bereits einen Indikator, der uns die Grenzen des Wachstums eindrucksvoll vor Augen hält. 1990 war dieser Punkt am 7. Dezember erreicht - Ressourcen und Verbrauch lagen also noch recht dicht beieinander. Dieses Jahr markierte bereits der 21. August den Overshoot Day - seitdem leben wir auf Pump.
Sind das Spinner?, Die Zeit 23.9.10

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