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Mindfulness und eine neue Bewusstseins-Kultur in Alltag und Business

© Dr. Nadja Rosmann 2022

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Eine Auszeit zur beruflichen Orientierung

Ich geb' es gerne zu, mit der Ratgeberliteratur habe ich es nicht so. Viel zu oft bleiben mir die Tipps und Tricks der Autoren zu sehr an der Oberfläche, sind mir zu weichgespült oder einfach zu belanglos-offensichtlich. Und zum Durcharbeiten von To-Do-Listen habe ich auch meistens keine Lust, zumal sich das selbst bei besten Vorsätzen oft nach wenigen Tagen im üblichen Alltags-Gewusel wieder verliert. Der Auszeit-Kompass von Guido Ernst Hannig stellt da für mich in vielerlei Hinsicht eine erwähnenswerte Ausnahme dar. Seine Einladung: sich einfach mal eine ganze Woche Zeit zu nehmen, um sich mit der eigenen beruflichen Orientierung zu beschäftigen. Hannig schlägt vor, das Reflektieren über mögliche berufliche Veränderungen oder die eigene Sinnsuche nicht mal eben nebenbei zu erledigen, sondern sich eine wirkliche Auszeit, bestenfalls an einem ruhigen Ort, vielleicht sogar in einem Kloster zu gönnen. Das allein macht in meiner Wahrnehmung bereits Sinn, denn wie soll man inmitten all dessen, was einen Tag für Tag bindet, einen klaren Blick genau darauf gewinnen? Eine große Stärke des Buches liegt für mich darin, dass der Coach seine Leser.innen auf diese Auszeit gut vorbereitet. Erste Anregungen zum Nachdenken, bevor die eigentliche Woche beginnt, sind eine schöne innere Einstimmung. Und auch die Woche selbst verplant er mit seinem Programm nicht vollkommen, sondern lässt Zeit für das Ankommen und den Übergang zurück in den Alltag. Gerade dieses "Drumherum", das in unserer Effizienz-orientierten Zeit so gerne ausgelassen wird, um noch mehr erledigen zu können, erscheint mir sehr wesentlich. Denn es gibt Raum zum Atmen und nimmt den Druck, sofort zu irgendwelchen Ergebnissen kommen zu wollen. Mit einer Vielzahl an Übungen und Reflektionen führt Hannig die Leser.innen in einen Prozess der Selbstbeobachtung und Selbsterkenntnis. Es geht darum, tiefer in sich zu lauschen, die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Motivationen wieder wahrzunehmen. Und nicht einfach Pläne für Neues zu schmieden, sondern diese Erkenntnisse auch wirken zu lassen. Es ist kein Programm, das man einfach durchgeht und Punkt für Punkt abhakt. Es ist mehr eine Reise zu den eigenen Sehnsüchten auf der Seelenebene. Für mich ist das Buch so ansprechend und authentisch, weil Hannig oberflächlichen Zeitgeist vermeidet. Und weil er aus seiner eigenen Tiefe schöpft. In einer eher atheistischen Zeit wie der unseren empfinde ich seine Verweise auf den Heiligen Franziskus und andere christliche Anleihen als sehr wohltuend, weil sie unser Eingebettet-Sein in etwas Größeres ins Spiel bringen. Das hilft dabei, oberflächliche Impulse und Reflexe von den eigenen, tieferen Gemütsregungen zu unterscheiden. Und diese Tiefe in sich auch wieder mehr zuzulassen. Worauf ich hinaus will: Sinnfindung wurde in den letzten Jahren bisweilen zur oberflächlichen Mode und dementsprechend oberflächlich sind auch viele der Ratgeber, die diese Mode hervorgebracht hat. "Der Auszeit-Kompass" hingegen hat Substanz. Manche mögen bei Hannigs Ratschlag, sich in der Auszeit-Woche technischer Geräte und Ablenkungen zu enthalten, vielleicht zurückzucken. Aber diese ersten Schritte des Loslassens machen Raum. Und diesen Raum braucht es, wieder bei sich selbst anzukommen. Es ist ein wunderbares Buch für alle, die die Frage nach ihrer Seelentiefe nicht beruflichem Pragmatismus opfern wollen. Und die mutig sind, sich selbst zu begegnen. Denn Orientierung funktioniert nicht wie ein Rezept, sie ist ein Erfahrungsprozess. Und bei diesem unterstützt das Buch ganz hervorragend.

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Buch-Tipps
Meine beiden Bücher, die ich mit Paul J. Kohtes geschrieben habe.

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evolve - Magazin für Bewusstsein und Kultur, Ausgabe August bis Oktober 2022 mit dem Thema Das Heilige und die offene Gesellschaft

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