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Mindfulness und eine neue Bewusstseins-Kultur in Alltag und Business

© Dr. Nadja Rosmann 2022

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Vielleicht - ein Dilemma unserer Zeit

Die FAZ hat der neuen "Generation Vielleichtsager" einen interessanten Essay gewidmet. In dem Beitrag arbeitet die Autorin heraus, wie das Erbe der Postmoderne - die Fähigkeit, Pluralismus zu erkennen, zuzulassen und als positive kulturelle Entwicklung zu fördern - anscheinend immer mehr in eine Sackgasse der Unentschiedenheit führt. Der Beitrag beklagt die Unfähigkeit, klar Stellung zu beziehen und arbeitet heraus, wie immer mehr Menschen Ambivalenzen begegnen, indem sie sich einfach nicht mehr festlegen. Dann wird von der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" gesprochen, vom "Ja, aber" oder vielen möglichen "Versionen der Welt". Der Artikel hält diesen Perspektiven einer vermiedenen Zuspitzung ein Zitat von Papst Benedikt entgegen, der 2005 beklagte, dass nichts mehr als "definitiv anerkannt werde" und das "letzte Maß nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten lasse". Diese Indifferenz scheint in Zeiten überbordender Komplexität einer gewissen Notwendigkeit nicht zu entbehren, denn wer sich auf einen klaren Standpunkt beruft, schließt zugleich alles andere - was vielleicht doch eine Wichtigkeit hat - aus. Was aber wäre, wenn wir diese Unentschiedenheit einfach als Übergangsstadium sehen? Viele wissenschaftliche Ansätze zur Erwachsenenentwicklung zeigen uns nämlich, dass klare Urteile, wenn Menschen ihre Persönlichkeit weiterentwickeln, wieder möglich werden - und aus höherer Perspektive auch einen gänzlich anderen Sinn entfalten als beispielsweise die Klarheit traditioneller Gesellschaften, die kaum Räume jenseits von Urteilen vorsehen. Im Zen kennt man die Zwischenräume, in denen sich die Postmoderne verschanzt, nur allzu gut, doch Konzepte wie das wu wei - was so viel bedeutet wie Handeln im Nicht-Handeln - markieren geradezu das Gegenteil von Unentschieden- und Unentschlossenheit. Sie machen aus dem üblichen Entweder-Oder ein Sowohl-Als auch höherer Ordnung - dem Bewusstsein folgend, dass es in dieser Sekunde das Eine sein kann, in der nächsten jedoch bereits das Andere - oder vielleicht gar ein unbekanntes Drittes. Die hierzu notwendige Entscheidungsfähigkeit ist jedoch eine Qualität, die wachsen muss, die jeder Einzelne im Zuge seiner persönlichen Entwicklung ausbilden kann. Wenn die Übung gelingt, sind wir in der Lage, aus einer Präsenz im Augenblick zu handeln, die nicht mehr Fragmente gebiert, sondern aus einer Allgegenwärtigkeit schöpft. Das Eine ist dann so universell wie das Andere. Wir legen uns jetzt auf dies fest, um, wenn die Vorzeichen sich ändern, zu jenem zu wechseln. Der qualitative Unterschied: Wir sind uns des Ganzen und der Wechselbezüge zwischen seinen Teilen gewahr UND vermögen zu erkennen, was gerade jetzt "dran" ist. Anstelle von Beliebigkeit entwickeln wir eine Ambiguitätstoleranz, mit der wir der Schnelllebigkeit der Zeit genauso gerecht werden wie der Tatsache, dass ohne wirkliche Haltung konstruktiver Wandel nicht möglich ist.
Wir wollen lieber nicht - oder doch? FAZ 13.2.13

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Buch-Tipps
Meine beiden Bücher, die ich mit Paul J. Kohtes geschrieben habe.

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